Flatterhaft verzweifelt: „Frühstück bei Tiffany“ im Innsbrucker Kellertheater

Wenn man Flucht mit Freiheit verwechselt: Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ im Innsbrucker Kellertheater.

Wiltrud Stieger und Benjamin Lang in „Frühstück bei Tiffany“.
© Kellertheater

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Wer nur den Film kennt, kennt Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ nicht. Vieles, was Capote in der 1958 erschienenen Erzählung beinahe beiläufig anschneidet, opfert die so stilverliebte Verfilmung der Sehnsucht nach einem Happy-End. Richard Greenberg wiederum hat für seine Dramatisierung des Stoffes den Film ausgeblendet – und der Geschichte von Holly Golightly damit auch jene Drastik zurückgegeben, die sie zu Weltliteratur und zum Zeitbild machte. In einer – bis auf wenige Ausnahmen – hochkonzentrierten Inszenierung von Anne Clausen ist „Frühstück bei Tiffany“ derzeit im Innsbrucker Kellertheater zu sehen.

Bühnenbild und Kostüme – für beides zeichnet Katharina Claudia Dobner verantwortlich – sind aufs zeitlos Notwendigste reduziert: Ein einfacher Vorhang trennt die Innen- von der Außenwelt. Das will natürlich auch symbolisch gelesen werden. Schließlich steht mit Holly eine Figur im Zentrum, deren Innenleben lange Geheimnis bleibt. Sie spielt sich und den Männern, die sie für die Aussicht auf Zärtlichkeiten aushalten, etwas vor. Und glaubt den Schmarrn, den sie auftischt, vermutlich selbst. Weil sie ihn glauben will. Sie verwechselt Flucht mit Freiheit und Begrapschtwerden mit Freundschaft. Wiltrud Stieger spielt diese Holly mit flatterhaftem Übermut. Die Verzweiflung dahinter schimmert durch, flammt auf. In gehauchten Vorahnungen zum Beispiel oder ziellosen Blicken.

Benjamin Lang spielt Paul, den angehenden Schriftsteller, der dem reizvollen Rätsel Holly auf den Leim geht und sich deshalb widerspruchslos Fred nennen lässt. Er ist es, der die erdenschwere Geschichte des leichten Mädchens, das sich im New York der 1940er-Jahre mit gutbetuchten Faschisten und geriatrischen Ganoven einlässt, erzählt. Lang leidet in kleinen Gesten. Und Martin Rüegg auch. Rüegg spielt gleich mehrere Parts. Der schönste ist Doc Golightly, ein in die Jahre gekommener Pferdeflüsterer, der Holly als Heranwachsende heiratete. Kunstvoll zerdehnt Rüegg die Sätze und Silben, mit denen Doc seine Überforderung ausdrückt. In den Pausen glaubt man den Präriewind pfeifen zu hören.

Ungleich komödiantischer angelegt sind die verschiedenen Figuren, die Edwin Hochmuth verkörpert. Hochmuth darf motzen und fuchteln, granteln und grimassieren. Und sorgt doch für einen der eindrücklichsten Momente des Abends, wenn er an die Internierungslager erinnert, die die US-Regierung nach Pearl Harbor für japanischstämmige US-Bürger bauen ließ. In solchen Augenblicken ist „Frühstück bei Tiffany“ schonungslos stark. Mitunter allerdings schert die Inszenierung aus – und gerät auf Abwege: Rasende Reporter rasen, kantige Kerle tragen feinen Fummel auf. Dann geht es durcheinander um schnelle Lacher und recht beliebige Pointen. Ganz so, als wolle sich das Stück für einige Augenblicke von der tieftraurigen Geschichte ablenken, die es erzählt.

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