Corona-Krankheitsverläufe: „Virendosis hat wesentliche Rolle“

Bei Covid-19-Patienten mit schweren Symptomen, aber ohne Vorerkrankung zeigte sich eine Gemeinsamkeit. Alle waren über Stunden in Après-Ski-Bars mit schlechter Belüftung.

Coronaviren können im Gegensatz zu Influenzaviren auch Organe wie die Leber befallen.
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Sie haben in Ihren Kliniken Patienten mit schweren Covid-19-Symptomen behandelt. Haben sich darunter auch welche in Ischgl angesteckt?

Axel Paeger: Es sind Menschen, die sich in ihrem Urlaub in Ischgl, in anderen Tiroler Skiorten und in Südtirol angesteckt haben.

Was heißt „schwere Krankheitsverläufe“?

Paeger: Da reden wir natürlich nicht von einem Kratzen im Hals oder einer Bronchitis. Es werden neben Atmungsorganen auch andere Organe wie Niere oder Leber befallen oder es sind Nerven im Gehirn betroffen. Und das ist auch der Unterschied zur Influenza, den so mancher nicht sehen will. Bei der Influenza gehen die Viren regelhaft nicht über den Atmungstrakt hinaus.

Dr. Axel Paeger: Chief Executive Officer (CEO), Vorsitzender des Vorstandes und Gründer von AMEOS sowie Mitglied des MCI Advisory Boards.
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Konnte man nachvollziehen, wie die Ansteckung erfolgt ist?

Paeger: Hier hat sich bei den Anamnesen (Aufklärung zur Vorgeschichte der Erkrankung) eine sehr auffällige Gemeinsamkeit gezeigt. Die Patienten mit schweren Verläufen – aber sonst kerngesund – haben sich alle im Skiurlaub über Stunden und mehrere Abende in Après-Ski-Bars aufgehalten, in denen auf engstem Raum, der schlecht belüftet war, sehr viele Menschen waren, wo getanzt und mitgesungen wurde, wo viel Schweiß geflossen ist. Ist in einem solchen Raum auch nur ein Infizierter, dann wird das Virus wie in einem Superspreaderakt weitergegeben. Die Betroffenen haben also hier eine große Virendosis abbekommen. Und die Dosis – was wir mit unserer kleinen Fallzahl beobachtet haben – spielt wahrscheinlich eine wesentliche Rolle beim Krankheitsverlauf. Wissenschaftlich ist das natürlich noch nicht bewiesen.

Könnte das mit ein Grund sein, warum die Symptome bei den Ischglern zum überwiegenden Teil so mild waren?

Paeger: Welche Rolle die Gene spielen, wird die nun gestartete Studie der Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck zeigen. Aber ich bin überzeugt, dass es auch daran liegt, dass die Ischgler Bevölkerung keiner so hohen Dosis ausgesetzt war. Ein Einheimischer ist sicher nicht jeden Abend in einer Après-Ski-Bar. Wenn er beim Einkaufen von einem Covid-19-Infizierten im Vorbeigehen angehaucht wird, ist die Dosis einfach nicht so hoch.

Kommt das Immunsystem mit kleineren Dosen besser zurecht?

Paeger: Das ist in der gesamten Virologie und Bakteriologie so. Das Immunsystem kommt mit einer kleineren Menge an Infektionspartikeln besser zurecht als mit einer größeren.

Bei der Erforschung von Corona-Infektionswegen nehmen Wissenschafter zunehmend Aerosole unter die Lupe. Die Tröpfchen also, die kleiner als fünf Mikrometer sind und in der Luft schweben. Denken Sie, dass die Belüftung die Schwebeteilchen schneller verbreitet?

Paeger: Dass durch Umluftanlagen Virenpartikel von einem Ende eines Raumes ans andere Ende transportiert werden, hat sich jetzt im deutschen Fleischbetrieb Tönnies gezeigt. Weil über 1000 Mitarbeiter fast gleichzeitig infiziert waren, kann man ausschließen, dass das Virus einfach nur über die Infektionskette von Mensch zu Mensch gegangen ist.

Was bedeutet das für den Herbst und Winter, wo wir uns wieder verstärkt in geschlossenen Räumen aufhalten werden?

Paeger: Man muss sicher davon ausgehen, dass die Infektionszahlen zunehmen können und man politisch darauf reagieren muss. Das heißt, es wird wohl wieder zu Einschränkungen kommen. Aber jetzt ist man in der Lage, die Entwicklung gut zu ‚monitoren‘ und daher rechne ich nicht mit einer zweiten Welle im engeren Sinn. Aber eines der Dinge, mit denen man sich beschäftigen wird müssen, sind die Lüftungsanlagen, in denen das Virus zirkuliert.

Das Gespräch führte Brigitte Warenski

AMEOS

Die AMEOS Gruppe zählt zu den wichtigen Gesundheitsversorgern im deutschsprachigen Raum.

Betrieben werden an rund 50 Standorten 95 Einrichtungen (u. a. Krankenhäuser, Polikliniken, Reha-Einrichtungen) mit 10.000 Betten/Plätzen und über 15.000 Mitarbeitern.


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