Weg von den Einzeltestungen: Tiroler arbeiten mit an Corona-Frühwarnsystem

Ein Konsortium aus Wissenschaftern empfiehlt, übers Abwasser oder Spüllösungen vorzutesten, ob Coronaviren auftauchen. Einzeltests seien zu teuer.

Mikrobiologe Heribert Insam (links) und Umwelttechniker Wolfgang Rauch von der Universität Innsbruck tüfteln seit April an ihrem Abwasser-Screening.
© Anita Heubacher

Von Anita Heubacher

Innsbruck – „Wir müssen von den Hunderttausenden Einzeltestungen wegkommen“, meinen Mikrobiologe Heribert Insam und Umwelttechniker Wolfgang Rauch von der Universität Innsbruck. Die beiden haben sich mit Wiener Wissenschaftern zu einem Konsortium zusammengeschlossen, um ein Corona-Frühwarnsystem zu entwickeln. Bereits im April erklärten die beiden, wie sie übers Abwasser herausfinden könnten, ob die Corona-Infektionen in einer Region gestiegen sind oder nicht.

Ein paar Monate nach der Präsentation fühlen sich die Wissenschafter bestätigt. Das liest Rauch an zwei Kurven ab. Die Grafik zeigt ganz deutlich, dass die Kurve der Zahl der Infizierten mit der Kurve für die nachgewiesenen Coronaviren im Abwasser übereinstimmen. „Derzeit ist das Problem, dass wir zu wenig Infizierte haben und sich die Viren nicht mehr nachweisen lassen.“ Finden lassen sich die Viren nicht im Urin, sondern im Kot. Die Hälfte der Infizierten würden Viren über diesen Weg ausscheiden, erklärt Insam.

Hundertmal mehr Viren werden laut den Wissenschaftern aber beim Husten mit dem Schleim, der dadurch abgesondert wird, ausgeschieden. Neben dem Abwasser im Kanalsystem könnte daher auch ein Spucknapf sehr viele Informationen bringen.

Anstatt jeden Hotelmitarbeiter einmal pro Woche einzeln zu testen, könnten die Mitarbeiter eine Spüllösung gurgeln und diese in einen Becher spucken, der Inhalt würde dann in einem Behälter gesammelt. „Dieses Screening im Vorfeld würde sehr viel Geld sparen“, sind Insam und Rauch überzeugt. „Die Tests mit der Spüllösung kann man sogar täglich machen.“ Einzeltests würden so nur nötig, wenn das Screening einen Anstieg von Coronaviren zeigen würde. Eine Lösung, die Bildungsminister Heinz Faßmann für Österreichs Schulen andenkt, wie er diese Woche im TT-Interview erklärte.

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Die Forscher führen für die Sammeltests nicht nur die Kostenersparnis ins Treffen, sondern meinen, dass erst dadurch flächendeckend getestet werden könnte. Viel mehr Personen könnten erfasst werden. Ärmere Länder hätten eine kostengünstigere Methode, um zu testen.

Bis Ende Juli sollen österreichweit 21 Kläranlagen für die Suche nach den Viren, die im Abwasser nicht mehr infektiös, aber nachweisbar sind, startklar sein. Rückverfolgen lässt sich, aus welcher Region oder Stadt das Virus kommt. Sehr viel genauer lässt es sich nicht lokalisieren.

Weil immer noch nicht klar ist, wann Infizierte die meisten Viren ausstoßen – von Anfang an, einen Tag vor den Symptomen oder erst mit den Symptomen –, ist auch noch nicht gewiss, ob das Konsortium ein Frühwarnsystem oder eine Methode zum Nachweis der Viren entwickelt hat. „Wir sind überzeugt, ein brauchbares Frühwarnsystem anbieten zu können.“ Rund 500.000 Euro stehen den Forschern vorerst zu Verfügung.


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