Gewaltiges Gräberfeld in Ampass harrt weiterer Forschung

320 (!) Urnen aus der Hallstattzeit haben Archäologen am Widenfeld in Ampass bisher geborgen – Zeugnis einer vielfältigen Bestattungskultur.

Christoph Faller (l.) und Johannes Pöll gaben Einblick in das eindrucksvolle Brandgräberfeld.
© Domanig

Von Michael Domanig

Ampass – Für Archäologen zählt Ampass zu den spannendsten, fundreichsten Orten Tirols. Dass am Palmbühel (Kirchbühel) einst eine spät­antike und frühmittelalterliche Höhensiedlung stand, ist z. B. längst bekannt, wie Johannes Pöll vom Bundesdenkmalamt erklärt. Und Anfang der 2000er-Jahre zeigten erste Grabungen am gegenüberliegenden Widenfeld, dass auch dort mit vielen Funden zu rechnen sein würde.

Als die Brennerbasistunnelgesellschaft (BBT SE) 2008/09 damit begann, auf der „Wi­dumdeponie“ Aushubmaterial zu schütten, war ein archäologisches Begleitprojekt selbstverständlich. Im so genannten Wiesentälchen nahm man damals aber keine größeren Strukturen wahr.

Tausende Beifunde, darunter Fibeln, kamen zutage.
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Die zweite Stufe des Deponieprojekts erfuhr durch die Archäologie dann jedoch eine massive Veränderung: Denn die Firma Ardis entdeckte 2017 bei Grabungen im Wiesentälchen ein riesiges hallstattzeitliches Brandgräberfeld. Für die BBT SE bedeutete dies deutlich eingeschränkte Deponierungsmöglichkeiten. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Schüttung im Tälchen fortgesetzt wird, die archäologische Zone aber erhalten und das Widenfeld selbst ausgespart und für künftige Forschung zugänglich bleibt“, fasst Pöll zusammen.

Wie sich herausstellte, reicht das Gräberfeld auch in jenen Bereich hinein, der heute unter zehn Metern Aushubmaterial vom ersten Deponieteil begraben liegt. „Das haben wir damals leider nicht erkannt, dieser Verlust geht auf unsere Kappe“, meint Pöll. Aber auch jener Teil des Gräberfeldes, der zugänglich ist – fast 70 Meter lang, fünf bis acht Meter breit –, beeindruckt: Von 2017 bis heuer habe man bereits 320 Urnen geborgen, mit bis zu 500 rechne man auf dem Areal, auf dem noch bis August gegraben wird, erklärt Christoph Faller (Ardis Archäologie), der gestern Einblick in die spektakulären Ergebnisse gab.

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Auch kunstvolle Keramik wurde entdeckt.
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„Wir bewegen uns hier in der Zeit zwischen 700 und 450 v. Chr.“, führt der Experte aus. Besonders stolz ist man auf eine heuer entdeckte, mit bis zu 3000 Stück Keramikfragmenten durchsetzte Abdeckschicht, mit der das Gräberfeld einst, vor gut 2500 Jahren, abgeschlossen und dann aufgelassen wurde. Am Feld sind verschiedene Bestattungstypen vorzufinden: Manche Urnen sind von mächtigen Steinkreisen umgeben oder auch mit Steinen abgedeckt, in einigen Urnen stecken weitere Gefäße mit Grabbeigaben. Die mit größeren Steinen umkreisten Areale waren wohl eine Art Familiengrab: Bis zu drei Urnen wurden hier – respektvoll – übereinander beigesetzt. Schalensteine und Gefäße weisen auch auf Grabriten hin.

Herrlich sind auch die Beifunde: elegante Fibeln (Gewandnadeln), Klapperbleche (Teile von größeren Schmuckgehängen), filigran gearbeiteter Schmuck aus Goldblech. Auch Messer wurden dem Leichenbrand beigegeben. Vergleichbare Gräberfelder kennt man in Tirol bisher nur aus Wörgl, Kundl und Welzelach (Virgental).

Mächtige Steine fassen viele der Urnen ein.
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Für Archäologiefirma und Denkmalamt geht es darum, die Urnen fachgerecht auszugraben, zu dokumentieren und einzulagern. Dazu werden sie „en bloc“, also mit dem Erdreich rundherum, geborgen und eingegipst. Urnen und Beifunde – sie gehören je zur Hälfte der BBT SE und dem Stift Wilten als Grundeigentümer – sollen am Ende ins Landesmuseum Ferdinandeum kommen, die Verhandlungen dazu laufen noch.

Um aus dem Gräberfeld nähere soziale und kulturelle Schlüsse zu ziehen, bräuchte es dann ein größeres wissenschaftliches – universitäres – Projekt, betont Pöll: „Das wäre ein Herzenswunsch.“


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