Brandbrief aus Kundl: Antibiotika-Appell Richtung Brüssel

Novartis-Europabetriebsrat verlangt von EU-Mandataren die Sicherung der Antibiotika-Produktion in Europa und eine Herkunftskennzeichnung: 80 Prozent der Antibiotika kommen aus China.

Sandoz/Novartis in Kundl ist der letzte verbliebene Penicillin-Produzent der westlichen Welt, betont der Novartis-Europabetriebsrat.
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Von Max Strozzi

Brüssel – Der Europabetriebsrat des Pharmakonzerns Novartis, dessen 47 Abgeordnete aus 26 europäischen Ländern insgesamt 50.000 Mitarbeiter vertreten, ruft in einem Brandbrief an die EU-Parlamentarier dazu auf, für die Sicherung der Antibiotikaproduktion in Europa zu sorgen. Außerdem fordern die Novartis-Betriebsräte eine Kennzeichnungspflicht der Herkunftsstaaten für Zwischenprodukte, Wirkstoffe und Fertigformen sowie einheitliche Qualitäts- und Umweltstandards für alle Antibiotika- und Wirkstofflieferanten samt regelmäßiger Kontrollen, um der Ausbreitung multiresistenter Keime entgegenzuwirken.

„80 Prozent aller Antibiotikawirkstoffe kommen aus China und Indien“, betont der Novartis-Europabetriebsrat. Denn aus wirtschaftlichen Gründen würden sich westliche Pharmafirmen aus der Wirkstoffproduktion zurückziehen: Kurze Behandlungsdauer, intensiver Preisdruck und hohe Umwelt- und Sicherheitsauflagen würden die Produktion in Europa unattraktiv machen. „Preisrabatte auf Antibiotika, wie sie in einigen europäischen Ländern üblich sind, haben diese Entwicklung verstärkt. Heute befinden wir uns in der grotesken Situation, dass ein Kaugummi in Europa mehr kostet als eine Antibiotikabehandlung“, schrei­ben die Beschäftigtenvertreter und bringen das Beispiel des Antibiotikums BPG gegen eine Übertragung von Syphilis von der Mutter auf das Kind. Während die Produktion des Wirkstoffs teuer sei, liege der durchschnittliche Verkaufspreis laut WHO bei wenigen Cent. Daher halte sich „die Begeisterung der Unternehmen, in den BPG-Markt einzutreten oder die Produktion aufrecht zu halten, mehr als in Grenzen“.

Derzeit beherrsche China die Antibiotikaproduktio. Bei Produktionsstillständen in Asien sei die Versorgungskette nach Europa gefährdet. So habe beispielsweise 2016 eine Explosion in einer Produktionsstätte der chinesischen Firma Qili zu einem weltweiten Engpass des Wirkstoffs Piperacillin/Tazobactam geführt.

Zudem sei bekannt, dass Antibiotika in Abwässern eine Brutstätte für multiresistente Keime („Superkeime“) sind. „Dieses Problem existiert besonders in China und Indien, wo die Abwasserbehandlung unzureichend ist“, warnt der Novartis-Betriebsrat. Auch wegen eklatant niedrigerer Personalkosten könne China um 30 bis 40 Prozent billiger produzieren als Hersteller in den USA oder Europa.

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Was Penicillin betrifft, sei Sandoz/Novartis in Kundl der letzte Produzent der westlichen Welt.


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