Für ein Stück Unsterblichkeit: Vergleich Schumacher vs. Hamilton

Lewis Hamilton hat auch in der prekären Corona-Zeit nichts von seinem altbekannten Können und Titelhunger eingebüßt. Das Mercedes-Aushängeschild hat den Formel-1-Thron von Michael Schumacher im Visier.

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Außergewöhnlich: Rekordweltmeister Michael Schumacher (l.) war ebenso schwer zu schlagen, wie es heute Lewis Hamilton ist.
© Imago

Von Daniel Suckert

Innsbruck – Fragt man beim Tiroler Gerhard Berger nach, wird er den unvergessenen Ayrton Senna nennen. Erkundigt man sich bei Jackie Stewart, sagt der Schotte Juan Manuel Fangio (ARG). Und würde Graham Hill noch leben, der Vater von Damon würde wohl seinen englischen Landsmann Jim Clark anführen, der 1968 verstarb. Die Frage nach dem besten Formel-1-Piloten aller Zeiten lässt sich nicht so einfach beantworten. Dafür entwickelt sich der Sport am glühenden Asphalt zu schnell. Der erfolgreichste Fahrer ist leichter zu nennen: Rekordweltmeister Michael Schumacher. Noch. Denn Lewis Hamilton hat mit dem Spielberg-Sieg am Wochenende unterstrichen, dass der Engländer immer noch gewillt ist, den Deutschen vom Thron zu stoßen.

Arbeiter vs. Talent: Über die nötigen Fähigkeiten hinter dem Lenkrad verfügen alle Formel-1-Piloten. Der dreifache Champion Stewart sagte einmal: „Die Piloten in der Formel 1 sind die besten Fahrer der Welt. Aber unter ihnen findest du noch vier bis fünf sehr gute. Und ein Genie, das alle überstrahlt.“

Das vereint Schumacher und Hamilton: Sie ragen aus der Fahrer-Elite ihrer Zeit heraus. Der 91-fache Sieger Schumacher erarbeitete sich seinen Erfolg mit etlichen Überstunden hinter dem Lenkrad. Landsmann Hans-Joachim Stuck meinte: „Schumacher und Ferrari haben alles getestet, was man testen konnte. Die hätten den Heckflügel sogar verkehrt montiert, wenn es was geholfen hätte.“

In Zeiten des Testverbots schwärmt man bei den Silberpfeilen bei „Ham“ vor allem von dem außergewöhnlichen Talent, das ihm ermöglicht, aus jedem fahrbaren Untersatz Bestzeiten herauszuschütteln. Ohne Berührungsängste, unmittelbar sofort verstehend, was das Arbeitsgerät kann und was nicht. Ein Instinkt-Fahrer, wie es ihn wohl noch nie gab.

Der ehemalige Red-Bull-Pilot Mark Webber (2002–13) fuhr gegen beide Ausnahmeerscheinungen: „Ich denke, Hamilton ist kompletter als Michael.“ Eddie Irvine, der mit Schumacher den Ferrari-Rennoverall (1996–99) trug, sieht das anders: „Michael ist einige Stufen über allen.“

Vergleich Schumacher vs. Hamilton

Michael Schumacher (GER): 
WM-Titel: 7 (1991–2006; 2010–12)


▪️ Rennen: 308 (Jordan, Benetton, Ferrari, Mercedes)

▪️ Siege: 91, 
Siegquote: 29,5 %;

▪️ Pole-Positions: 68 (Quote: 22%)

Lewis Hamilton (GBR): 
WM-Titel: 6 (seit 2007)

▪️ 
Rennen: 252 (McLaren, ab 2013: Mercedes)

▪️ Siege: 85; 
Siegquote: 34 %

▪️ Pole-Positions: 85 (35%)

Fahrstil: „Schumi“ war in Zeiten seiner Blüte derjenige im Feld, der am spätesten in den Kurven vom Gas ging – parallel am frühesten das Bremspedal antippte. Nur ganz kurz, um die Kurve dann mit leichten Gasstößen durchzufahren. Geforderte Rundenzeiten waren für den Kerpener keine Hexerei.

Ähnliches erlebt man bei Hamilton, wenn er seinen Mercedes schnörkellos über die Rennstrecken dieser Welt treibt. Keiner kann auf jegliche kleinste Veränderungen am Asphalt mit solcher Improvisation reagieren wie der 35-Jährige. Seine Qualitäten sieht man speziell in den schnellen, langgezogenen Kurven.

Konkurrenz: An dem Punkt scheiden sich die Geister. Flavio Briatore, seines Zeichens Schumachers ehemaliger Benetton-Boss (1991–95), erklärte in einem Podcast: „Nicht böse sein, aber in Schumachers Zeiten waren Piloten wie Senna, Mansell oder Piquet da. Da war ein anderer Druck auf der Strecke. Hamilton hat vielleicht einen oder zwei Konkurrenten. Er ist ein super Fahrer und ein super Typ, aber er kann wie ein Taxifahrer mit einer Hand aus dem Auto fahren und gewinnt alles.“ Hamilton fehle es an einer Konkurrenz, die sich in ihrem Schaffen auf Augenhöhe bewegt. Ein Charles Leclerc oder ein Max Verstappen (beide 22 Jahre) seien noch nicht so weit.

Persönlichkeit: Champions sind mehr als nur herausragende Piloten. Da gesellt sich eine starke Persönlichkeit hinzu. Die beiden mehrfachen Weltmeister überstrahlten irgendwann die Königsklasse, waren und sind das Sprachrohr ihrer Generation. In dem Punkt stehen sich die beiden Stars in nichts nach. Ferraris „Heilsbringer“ Schumacher vertrat stets seinen Standpunkt, auch wenn dieser der breiten Masse nicht gefiel. In puncto ungeliebter Teamorder stellte er klar: „Das ist keine Kaffeefahrt. Hier in der Formel 1 geht es um Millionen.“

Hamilton hat sich in all den Jahren stark gewandelt: Vom einstigen „PS-Popstar“, der auf allen roten Teppichen der Welt anzutreffen war, hat er sich zu einem Umweltschützer ohne Privatjet und zur Formel-1-Stimme gegen Rassismus entwickelt.

Wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert, wird Hamilton Schumacher bald einholen. Und trotzdem liegt es am Ende des Tages im Auge des Betrachters, für wen man mehr Sympathien hegt. In jedem Fall werden beide stets unvergessen sein.


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