"Ich bleibe hier": Ein Kirchturm im See als Mahnmal einer Tragödie

Marco Balzano erzählt romanhaft-historisch, wie das Dorf Graun am Reschenpass gegen den Widerstand der Bewohner für einen Kraftwerksbau unterging.

Der Reschensee mit dem Kirchturm der gewaltsam überfluteten Ortschaft Graun ist heute eine Touristenattraktion.
© Wenzel

Von Markus Schramek

Innsbruck – 70 Jahre ist es jetzt her, dass das Dörfchen Graun von der Landkarte verschwand, von Sprengsätzen zerstört und von Wassermassen überflutet. Die kleine Ortschaft auf der Südtiroler Seite des Reschenpasses wurde mit unvorstellbarer Brutalität einem Kraftwerksprojekt geopfert. Manch ein Bewohner musste um sein Leben fürchten, als sein Haus ohne Vorwarnung unter Wasser gesetzt wurde.

Auf eine Entschädigung, die den Namen verdient hätte, warteten die Grauner vergeblich. Stattdessen fanden sich Familien zusammengepfercht in hastig hingeworfenen Baracken wieder. Die Projektverantwortlichen, der italienische Großkonzern Montecatini im Verbund mit Schweizer Finanziers, brachen ihre vollmundigen Versprechen ein ums andere Mal.

Heute liegt etwas oberhalb des Stausees ein neues Dorf mit Namen Graun. Der Kirchturm des von Menschenhand überfluteten historischen Graun („Alt-Graun“ genannt) ragt als Mahnmal der barbarischen Vorgänge von 1950 aus dem Reschensee. Der Turm im See ist eine Touristenattraktion. Kein Vorbeikommender vermag sich diesem Anblick zu entziehen. Reisende befriedigen ihren unerschöpflichen Durst nach Selfies.

Marco Balzano war 2014 erstmals in Graun. Er staunte über die Kirche so wie die anderen. Doch den aus Mailand stammenden Schriftsteller ließ die Szenerie am Reschen nicht mehr los. Auf der Suche nach einem vollständigen Bild der historischen Vorgänge hielt Balzano Nachschau in Archiven und traf Augenzeugen zum Interview. Versuche, auch mit der heutigen Führung jener Firma zu sprechen, die den Staudamm in das obere Vinschgau hinklotzte, blieben ohne Reaktion.

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Balzano fühlte sich schließlich dafür gerüstet, einen Roman über das gnadenlose Schicksal Grauns zu verfassen. Auf Italienisch („Resto qui“) wurde das Buch vor zwei Jahren zum Bestseller. Jetzt liegt das Werk in deutscher Übersetzung vor. „Ich bleibe hier“ ist ein packendes Erzählstück, einfühlsam, spannend und aufwühlend.

Balzano schildert die Geschichte Grauns anhand fiktiver Charaktere. Nur der Pfarrer, der im Widerstand gegen das Kraftwerk drangsaliert und verhaftet wird, heißt wie das historische Vorbild Alfred mit Namen.

Hauptfigur ist Lehrerin Trina. Sie und ihr Mann Erich durchleben den Wahnsinn des 20. Jahrhunderts in einem vormals heilen Dorf. Deutsch wird in Südtirol unter den Faschisten zur verbotenen Sprache. Die halbwüchsige Tochter setzt sich in einer Nacht- und Nebelaktion nach Nazi-Deutschland ab. Erich muss in den 2. Weltkrieg, kehrt verwundet zurück und entgeht der neuerlichen Einberufung durch Flucht in die tiefwinterlichen Berge, die Verfolger stets im Nacken. Als der Krieg überstanden ist, verliert das Paar durch den Kraftwerksbau sein letztes Hab und Gut. Zwei Drittel der Grauner verlassen die Heimat.

Balzano fasst dieses düstere Kapitel der jüngeren Südtiroler Geschichte meisterhaft in Worte. So sehr sogar, dass einen als Leser der heilige Zorn überkommen mag ob all des geschilderten Unrechts.

Roman Marco Balzano: „Ich bleibe hier.“ Diogenes, 288 Seiten, 22,70 Euro.


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