Filmkritiker Drehli Robnik im Interview: "Anstecken und abcashen"

Von 1919 bis Covid-19: Für sein Sachbuch hat Kritiker Drehli Robnik 167 Pandemie-Filme untersucht. Am Donnerstag wird er im Rahmen des Filmfestivals Diametrale darüber sprechen. Mit der TT sprach er via Mail übers „Ansteckkino“.

Marion Cotillard als Dr. Leonora Orantes in „Contagion“ (2011): Der Thriller erfreute sich in der Lockdownphase eines Comebacks.
© Imago

Sie haben soeben Ihr Buch „Ansteckkino“ finalisiert. Eine Reaktion auf Corona?

Drehli Robnik: Die Idee kam mir am 17. März 2020. Ich arbeite seit 30 Jahren zu populärem Kino im Kontext von Politik und Geschichte, aber jetzt konkret war der Eindruck, dass diese Katastrophe mit Epochenmarker-Status das Kino und den Film betrifft, anders als 9/11, die Massenenteignung namens Finanzkrise oder politische Umbrüche wie 1989. Die Kinos sind immerhin zu und Drehs gestoppt. Außerdem kann Film mehr liefern als Titel für Top-Ten-Listen, von denen es ab März viele einschlägige gab.

Sie schreiben, Kinofilme würden erlauben, das Soziale in der Seuche als Problem wahrzunehmen.

Robnik: Pandemie betrifft dem Wort nach das „Volk“ als Ganzes. Eine Seuche ist nichts „nur“ Biologisch-Medizinisches, sondern betrifft soziale (damit politische, juridische, wirtschaftliche, Gender-) Verhältnisse. Insofern interessiert mich eben „das Soziale in der Seuche“. Das Grundsätzliche am Sozialen, das Zusammensein, wird auf einmal drastisch zum Problem, gar zur Gefahr. Nähe wird zur Bedrohung – und Mitgefühl mit „anderen“ (etwa Geflüchteten) gilt noch mehr als davor als illlegitim.

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Zur Person

Drehli Robnik ist Theoretiker, Essayist und Kritiker und lebt in Wien. 2015 veröffentlichte er „Kontrollhorrorkino: Gegenwartsfilme zum prekären Regieren“ (Turia + Kant). 
Ende Juli erscheint „Ansteckkino. Eine politische Philosophie und Geschichte des Pandemie-Spielfilms von 1919 bis Covid 19“ (Neofelis).

Lecture

Am Donnerstag (17.30 Uhr) spricht Drehli Robnik im Rahmen des Festivals Diametrale über sein „Ansteckkino“: Leokino, Innsbruck.

Im Lockdown boomten filmische Endzeitszenarien. Was macht die Faszination aus?

Robnik: Endzeitszenarien gibt es ja haufenweise. Ich habe für mein Buch so getan, als könnte man diejenigen isolieren, in denen es um Ansteckung – und nicht Erderhitzung, Sintflut, Kometen-Armageddon, Suizidwelle mit Vogelkisterl oder Ähnliches – als Bedrohung geht. Und nenne das dann „Ansteckkino“ – mehr als ein Spiel. Mir ist klar, dass das kein Genre ergibt, so wie „Western“ oder „Romantic Comedy“ – aber tun wir mal so, mal sehen, was rauskommt. Was sicher rauskommt: viel Massendynamik, viel Sozialsein (Zusammensein mit anderen) als Erfahrung von Aufruhr und Gewalt, viel Politik, viel Macht, die am Körper ansetzt.

Inwiefern prägen Filme unseren Blick auf Pandemien?

Robnik: Weniger, als wir glauben. Filme machen Angebote, unsere Art, gesellschaftlich Menschen zu sein, aufgeregt durchzudenken oder denkend durchzuschwitzen. Beides ist im Spiel. Diesen Prozessen gerecht zu werden, dem gilt mein etwas hoch pokernder Anspruch einer „politischen Philosophie & Geschichte“ im Buchtitel.

167 Filme haben Sie für Ihr Projekt untersucht. Wie hat sich das Thema über die Zeit verändert? Kann man „Die Hamburger Krankheit“ (1979) mit „Contagion“ (2011) überhaupt vergleichen?

Robnik: Es hat sich verändert. Ein Vergleich ist aber schwierig, „Die Hamburger Krankheit“ ist ein arger Film, ein Roadmovie auf der Flucht durch den Zusammenbruch und die ständige Neubildung von Institutionen; sehr kritisch, was das Abfeiern von Heimatgefühlen angeht oder das Wittern von Gewinnchancen in der Krise betrifft. „Contagion“ hingegen ist das Flaggschiff des Pandemiekinos. Sozusagen das Normal- und Maximalsetting.

Die Vorstellung von Zukunft hat sich in Filmen eher von einer positiven Technikutopie hin zu einer Dystopie gewandelt. Womit lässt sich das erklären?

Robnik: Ich glaube, dass die „Zukunftsfilme“ früher optimistisch waren, ist ein Mythos, den wir uns zurechtlegen. Im Sinn von: Ja, früher, da haben die Leute naiv an das kommende Glück geglaubt, wir aber sind so abgeklärt und oberschlau und sehen kommenden Problemen ins Auge. Damit schmeicheln wir uns – und damit erfüllt der Mythos eine angenehme Funktion.

Würden Sie sagen, das Kino befeuert Verschwörungstheorien?

Robnik: Viel weniger, als die Politik rechtsnationaler, minderheitenfeindlicher Machthaber oder Kampagnisierer von Trump abwärts es gern hätten. Ich nenne bewusst Trump, weil er ein ideales Ziel ist, ein Konsens-Unbeliebter, den nicht einmal österreichische Rechtsnationale oder Kurz-Fanclubmitglieder mögen.

Birgt die obsessive Beschäftigung mit apokalyptischen Szenarien psychologische Gefahren?

Robnik: Im Film nicht. Sonst schon: Sexistisches, homophobes, rassistisches, antisemitisches und undemokratisches Verhalten macht unbeliebt und blöd und schaut aus wie ein Aluhut. Also nicht gut.

Noch im Juli läuft in den deutschen Kinos der koreanische Thriller „Pandemie“ von 2013 an. Ist das jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?

Robnik: Der richtige Zeitpunkt zum Abcashen sicher.

Welche Filme empfehlen Sie für einen (möglichen) zweiten Lockdown?

Robnik: Beim zweiten Lockdown sind wir ja alle zu aufgeregt zum Filmschauen. Erst beim dritten und vierten sind wir schon so vertraut damit und so relaxed, dass man sich wieder was anschauen kann. Ich empfehle dann neben anderen den tollen, super kolorierten, grusligen Infektionshorror „Little Joe“ von Jessica Hausner von 2019 mit Emily Beecham in der Hauptrolle, wo Pflanzen uns mit Glücksgefühlen anstecken und sich unserer Körper bemächtigen. Sowieso immer gut ist „The Andromeda Strain“ von 1971, wo eine außerirdische Killervirenbedrohung uns beibringt, in computerisierten Arbeitsumgebungen zu leben. Er ist die Oma aller Labor-Spannungsfilme und Weißkittel lieben ihn, weil er ihren Arbeitsalltag halbwegs ernst nimmt. Der Durchlauf durch alle Hygieneschleusen dauert im Film volle 28 Minuten. Mit dabei Kate Reid als coole, sehr trocken goscherte Virologin, die keinen Landesrat dazwischenreden lassen würde.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner


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