Ganz nah an den Menschen: Tirolerin gewann „Digital Storytelling Award“

Die 33-jährige Lanserin Helena Lea Manhartsberger hat beim Lumix-Festival für jungen Bildjournalismus den renommierten „Digital Storytelling Award“ gewonnen.

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Am liebsten auf ihrem Motorrad unterwegs: die junge Tiroler Fotojournalistin Helena Lea Manhartsberger.
© raffael heygster

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Der Traum von Helena Lea Manhartsberger wäre es, mit dem Motorrad und ihrer Kamera im Gepäck auf ganz große Weltreise zu gehen. Vorerst geht es für die 33-jährige Lanserin nach einem kurzen Heimatbesuch allerdings wieder zurück nach Hannover, um an der dortigen Hochschule ihr Studium in der Klasse für Fotojournalismus und Dokumentarfotografie abzuschließen, das sie an ihr Studium im Fach Internationale Entwicklung an der Wiener Universität angehängt hat.

Helena Manhartsberger ist eine junge Frau, die mit kritischem, feministisch bewegtem Blick in der Welt unterwegs ist. Themen wie Identität, Geschlechterdiversität und gruppendynamischen sozialen Phänomenen auf der Spur, verdichtet zu bildmächtigen Fotoreportagen oder Videos.

Mit ihrem gemeinsam mit Katharina Neuhaus gemachten 15-minütigen Streifen „Ultraslut“ hat Manhartsberger den mit 5000 Euro dotierten „Digital Storytelling Award“ des alle zwei Jahre in Hannover ausgelobten Lumix-Festivals für jungen Bildjournalismus gewonnen. Das unter dem Titel „10 Tage – 10 Themen“ zwischen dem 19. und 28. Juni heuer erstmals „nur“ in digitaler Form stattgefunden hat. Wobei jeder Tag einem anderen Schwerpunkt gewidmet war, Tag zwei dem Digital Storytelling bzw. der Frage, was FotografInnen von FilmemacherInnen lernen können und umgekehrt.

Still aus Helena Manhartsbergers und Katharina Neuhaus’ Wettbewerbsfilm „Ultraslut“.
© Manhartsberger/Neuhaus

Die eher bildgesteuerte Helena Manhartsberger und die vom Wort kommende Katharina Neuhaus scheinen ein ideales Gespann zu sein. Um für „Ultraslut“ zwei Jahre lang die junge Luxemburger Transgenderperson Lia zu begleiten. Sie ist im Körper eines Mannes geboren, fühlt sich aber als Frau. Den Schmerz über ihre Existenz versucht sie in ihrer Sexualität mit schmerzhaften Praktiken zu bekämpfen. Depressionen sind Lias ständiger Begleiter, öffentlich mit sexuellen Tabus zu spielen, ist ihre Form des Aktivismus und war gleichzeitig die Chance für die Filmerinnen, ihr ganz nahe zu kommen. Um in vielen Stunden von Missbrauch, Anders- und Ausgesetztsein, Einsamkeit, den Ängsten und Unsicherheiten eines im falschen Körper geborenen Menschen zu erfahren. Einem höchst aktuellen, kontroversiell diskutierten, heiß umstrittenen Thema.

Wobei der Fotoessay raffiniert als Mix zweier paralleler Spuren daherkommt. Einer kühl dokumentarischen, die Lias triste alltägliche Lebenswelt reflektiert, sich abwechselnd mit einer in oranges Licht getauchten, in der die Protagonistin fast nackt sexuell zugange ist. Um keinen platten Voyeurismus zu bedienen, werden diese Sequenzen größtenteils auf der Basis von Fotos erzählt, wodurch raffiniert eine abstrahierende ästhetische Ebene eingezogen wird.

Beim Lumix-Festival war Helena Manhartsberger aber auch in der Fotosparte mit dabei. Mit im vergangenen Jahr entstandenen Bildern aus dem Sudan, wo sie mehrere Wochen mit einem schreibenden Kollegen unterwegs war. Ihr Interesse galt den Frauen und ihrer Rolle während der Revolution. Zum Festival eingereicht hat die junge Tirolerin inszenierte Porträts von fünf Frauen, kombiniert mit Bildern ihnen wichtiger Gegenstände und Orte.

Mit dem Thema queerer Identitäten hat sich die junge Fotojournalistin allerdings bereits vor Jahren in einer Fotorecherche auseinandergesetzt, in der es um Jugendliche ging, die ihr Geschlecht ganz bewusst nicht so ernst nehmen. Und so manche werden sich vielleicht noch an ihren Auftritt im Innsbrucker Fotoforum mit einem Projekt erinnern, das einen interkulturellen Dialog zwischen Tirol und Indonesien anzuzetteln versuchte.

Dass das Leben als freie Fotojournalistin auch in Nach-Corona-Zeiten nicht einfach werden wird, weiß Helena Lea Manhartsberger aus eigener Erfahrung, obwohl inzwischen so renommierte Medien wie der Spiegel oder die Zeit zu ihren Kunden zählen. Allerdings ist die Angst davor, sich, um überleben zu können, ständig anbieten, letztlich verkaufen zu müssen, groß. Weshalb sie überlegt, noch einen Master an ihr Studium anzuhängen, damit liebäugelnd, vielleicht einen Job an einer Uni oder in einem Museum zu ergattern. Aber dazu sind vielleicht das Fernweh und die Neugier der weltweit umtriebigen Tiroleri­n doch zu groß, der die Sehnsucht nach den Bergen bis heute geblieben ist.


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