Fieberhafte Impfstoff-Suche: Mikrobiologe Würzner im Interview

Was Impfstoff-Forschung mit einem Lego-Spiel gemein hat und wer die Probanden sind, die sich vorab impfen lassen, erklärt Mikrobiologe Reinhard Würzner im Interview.

Derzeit wartet die ganze Welt auf den „Piks“, der vor einer Corona-Infektion schützen könnte.
© iStockphoto

Pharmafirmen liefern sich derzeit ein Wettrennen, um möglichst schnell einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Wie lange dauern normalerweise solche Verfahren?

Reinhard Würzner: Um einen Impfstoff zu entwickeln, braucht es Jahre. Es muss die Verträglichkeit getestet werden und dann die Wirkung. Fängt man bei null an, werden in der präklinischen Phase erstmals Tests mit Zellkulturen gemacht, das heißt, menschliche Immunzellen werden außerhalb des Körpers mit dem Virus zusammengebracht. Im zweiten Schritt überlegt man sich, welche Tiere zur Austestung mit dem Krankheitserreger konfrontiert werden können. Menschen mit dem Virus zu infizieren, ist natürlich nicht erlaubt.

Im Fall von SARS-CoV-2 kann man vermutlich aber nicht bei null anfangen?

Würzner: Nein. Was normalerweise Jahre dauert, versucht man jetzt in Monaten. Es handelt sich um eine Plattform, die man sich wie ein Lego-Spiel vorstellen kann. Auf einem Brett sind schon blaue und grüne Steine, dann fügt man noch gelbe hinzu oder nimmt Steine weg. Die Vorarbeit ist also schon gemacht. Schon beim ersten SARS-Virus hat man fieberhaft nach einem Impfstoff gesucht. Nachdem das Virus eliminiert wurde, hat man dies sofort gelassen. Hierauf kann man jetzt aufbauen.

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Können die Sicherheitsstandards überhaupt hoch sein, wenn ein Impfstoff so schnell entsteht?

Reinhard Würzner ist stellvertretender Direktor des Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie an der MedUni Innsbruck. Bevor er nach Tirol kam, forschte er an der Universität von Oxford und Cambridge.
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Würzner: Die Qualitätskontrollen sind vielleicht etwas abgespeckt, das heißt, es gibt eventuell weniger Probanden. Aber die Sicherheitsstandards sind immer noch sehr hoch, denn ein Impfstoff, der nicht wirkt oder inakzeptable Nebenwirkungen hat, ist natürlich kein lukratives Geschäftsmodell. Die Ungefährlichkeit einer Impfung liegt aber nie bei 100, sondern bei 99,999 Prozent. Im Fall von SARS-CoV-2 vielleicht bei 99 Prozent. Diese winzige Unsicherheit nimmt man aber in Kauf.

Die Forschung passiert zudem nicht im stillen Kämmerlein. Alle Schritte müssen dokumentiert sein. Auf der Internetseite der WHO gibt es ein Portal, auf dem steht, welche Stoffe gerade entwickelt werden. Aktuell gibt es etwa 170 SARS-CoV-2-Impfstoffe, 142 sind in der vorklinischen Phase, 24 sogar schon in der klinischen Phase, das heißt, sie werden schon an Personen getestet, zwei sind bereits in Phase 3, also schon sehr weit fortgeschritten.

Es geht um viel Geld. Wird am Ende eine einzige Impffirma der große Sieger sein?

Würzner: Am Ende wird nicht nur eine Firma das Rennen machen. Es werden einige Impfstoffe rausfallen, aber viele Kandidaten übrig bleiben. Impffirmen arbeiten jetzt zusammen, das hat es in der Größe noch nicht gegeben. Das ist quasi so, als würden die Autobauer aus Stuttgart, München und Wolfsburg an einem Auto basteln. Die Behörden schauen aber sorgfältig darauf, dass alle Sicherheitsstandards eingehalten werden. Im Moment werden Prioritäten gesetzt. Wenn jemand sagt, er will z. B. einen neuen Impfstoff für Hepatitis B auf den Markt bringen, dann hat SARS derzeit Vorrang.

Wie werden Probanden ausgewählt?

Würzner: Es gibt Gesellschaften, die für Firmen Probanden bereitstellen, das sind z. B. junge Erwachsene oder Studenten, die etwas Geld dazuverdienen möchten. Es werden aber keine Menschenversuche gemacht, die Personen werden nicht mit dem Virus infiziert. Man will herausfinden, wie viel vom Impfstoff gebraucht wird oder wie sich die Antikörper entwickeln. Die Probanden haben das oft nicht zum ersten Mal gemacht, gehen aber ein gewisses Risiko ein. In der Phase 1 der Testung gab es immer wieder Zwischenfälle. Der Job ist nicht ganz ungefährlich.

Was kann man aktuell tun, bevor ein Impfstoff zur Verfügung steht?

Würzner: In der Anfangsphase empfehle ich Tirolern, sich vor allem gegen Grippe und Keuchhusten impfen zu lassen, ältere Personen zusätzlich gegen Pneumokokken. Bis die Frage geklärt ist, wie gut der SARS-CoV-2-Impfstoff wirkt, ist es wichtiger, dass man andere Erreger ausschließt. Denn wenn zu einem bösartigen Virus oder Bakterium noch zusätzlich SARS-CoV-2 hinzukommt, stehen die Chancen schlechter. Etwa 100 Menschen sind in Tirol an Covid-19 gestorben, etwa 200 sterben jährlich an der Grippe. Diese Zahl könnte man durch eine Impfung deutlich reduzieren.

Wo wird der Corona-Impfstoff als Erstes zum Einsatz kommen?

Würzner: Man wird den Impfstoff in solchen Ländern testen, die das größte Bedürfnis haben und die der Lage nicht Herr werden. Das Risiko-Nutzen-Verhältnis wird abgewogen. In Tirol, wo es derzeit eine Handvoll neue Fälle pro Tag gibt, wird das Interesse nicht groß sein. Das Problem bei der „Corona-Impfung“ wird sein, dass sie zwar sicher ist, wenn sie am Markt ist, aber es nicht sicher ist, wie gut sie schützt.

Mittlerweile gibt es – genau wie so genannte Masern-Partys – auch Corona-Partys. Das heißt, Menschen setzen sich absichtlich dem Virus aus.

Würzner: Früher glaubten viele, wenn ein Kind an Masern erkrankt, dann ist es geschützt und sein Immunsystem gestärkt. Dabei weiß man heute, dass Patienten bis zu fünf Jahre nach einem Maserninfekt ein geschwächtes Immunsystem haben. Das kann bei Covid-19 genauso sein. Es kann sein, dass man schwer erkrankt, auch wenn man jung ist. Und man weiß nicht, welche Probleme oder Spätfolgen die Patienten in 10 oder 20 Jahren haben. Warum sich also mit einem Erreger auseinandersetzen, gegen den man sich bald schützen kann? Also auf keinen Fall an Covid-19-Partys teilnehmen.


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