Tiroler Krankenschwester wandert dem Krebs davon

Krankenschwester Sylvia Eineter hat den Brustkrebs besiegt. Mit einer Wanderung auf den Largoz bei Volders will sie andere Frauen für das Thema sensibilisieren.

Nächster Schritt: Sylvia Eineter geht auf den Largoz bei Volders.
© Vanessa Rachlé / TT

Von Andrea Wieser

Wattens – Als Sylvia Eineter im letzten Herbst ihrem achtjährigen Sohn erklären muss, dass sie Brustkrebs hat, kommt ihr eine gute Idee. „Ich habe Gabriel gesagt, dass ich den Endboss in mir habe“, erklärt die diplomierte Krankenschwester und alleinerziehende Mutter. Zur Erklärung: Der Endboss ist der ultimative Feind in den Super-Mario-Computergames, die Gabriel gerne spielt. „Ich habe ihm aber auch erklärt, dass wir gute Waffen haben und gewinnen werden.“

Die 38-jährige Wattenerin hat Wort gehalten. Am 1. Juli ist sie wieder zur Arbeit zurückgekehrt, erfolgreich therapiert. Dass es sich dabei um denselben Ort handelt, an dem sie auch behandelt wurde, ist eine von vielen Wendungen in ihrer Geschichte.

Im Herbst letzten Jahres änderte sich das Leben der jungen Mutter durch die Diagnose Brustkrebs schlagartig. „Ich habe beim Duschen einen geschwollenen Lymphknoten in der Achsel ertastet und dachte zuerst an einen Abszess“, erinnert sich Eineter. Sie machte sogar noch einen Witz und sagte: „Wird schon kein Krebs sein.“ Heute muss sie darüber fast ein wenig schmunzeln, besonders weil sie es als Krankenschwester eigentlich besser wissen müsste. Deswegen will sie aufklären. „Es ist so wichtig, dass Frauen wissen, dass jede betroffen sein kann.“

© Vanessa Rachlé / TT

Bei der Untersuchung am 3. Oktober wurden zwei Knoten gefunden, die rapide wuchsen. Am 10. Oktober, nur eine Woche nach der Diagnose, startete Eineter mit der Chemotherapie. „Es fühlte sich an, wie auf einer Autobahn ohne Ausfahrt zu sein. Du kommst nicht aus und musst einfach vertrauen.“ Eineter, die von ihren eigenen Kolleginnen betreut wurde, konnte sich gut auf ihr Team einlassen. „Es hat schon sehr geholfen, dass ich meinen behandelnden Arzt schon fast zehn Jahre kenne“, sagt sie und meint damit Daniel Egle, Brustkrebs-Spezialist auf der Gynäkologie in Innsbruck.

Die Chemotherapie stellte Eineter auf eine harte Probe. „Natürlich habe ich auch einmal geweint“, erinnert sie sich. Aber unterkriegen ließ sie sich nicht so schnell. Ihr Sohn Gabriel musste schließlich auch gestützt werden. Als die ersten Haarbüschel durch die belastende Therapie ausfielen, wagte Eineter den Schritt nach vorne. Ihre Mutter, gelernte Friseurin, rasierte ihr die Haare bis auf wenige Millimeter ab. Und es war Sohn Gabriel, der den Moment danach ins Komische verwandelte. „Er hat meinen Kopf gar nicht auslassen können und andauernd über die Stoppel gestreichelt. Er war einfach total begeistert“, sagt die stolze Mama.

Nach der Chemo folgte die Operation, beide Brüste wurden entfernt. Das war der Wunsch der Patientin. Sie wollte sich komplett befreien und kein Risiko eingehen. Die geplante plastisch-chirurgische Rekonstruktion der Brüste musste aber abgeändert werden. Aufgrund der Corona-Krise waren die Operations-Bedingungen anderen Kriterien unterworfen. Deswegen wurde Eineter nicht wie geplant körpereigenes Gewebe aus dem Bauchbereich transplantiert, sondern Silikon eingesetzt.

Sechs Wochen nach der OP, also nach einer kurzen Verschnaufpause, folgten die Bestrahlungen. Am 23. Juni kam schließlich der letzte Termin. Ein historischer Tag, an dem Eineter zwei wichtige Dinge machte. „Meine Mama und ich haben uns dasselbe Pink-Ribbon-Tattoo stechen lassen“, erinnert sich Eineter an den Moment der großen Verbundenheit mit ihrer Mutter.

Und ebenfalls an diesem Tag zögerte sie nicht, ließ sich von ihrem Hausarzt die wiederhergestellte Gesundheit attestieren und brachte die Bestätigung auf die Gynäkologie-Sonderstation der Klinik Innsbruck, um zu erklären: „Am 1. Juli komme ich wieder zur Arbeit, neun Monate krank sein ist genug.“

Nun ist Eineter wieder im Einsatz. Berät auf jener Station, wo sie behandelt wurde, andere Patientinnen. „Ich habe schon sehr viele schöne Gespräche führen können. Ich glaube, es hilft schon, dass ich genau weiß, was die Patientinnen durchmachen.“

Aber Eineter geht noch weiter. Es ist ihr ein Anliegen, ihre Erfahrungen nicht nur innerhalb der Klinikwelt weiterzugeben. „Ich möchte ein Zeichen setzen dafür, dass Frauen mehr Bewusstsein für den Brustkrebs entwickeln und zur Vorsorge gehen.“

Gemeinsam mit Freunden, Familie, Kolleginnen und auch ihrem behandelnden Arzt Daniel Egle will sie am 8. August eine Wanderung unternehmen. Es soll auf den Largoz gehen, einen Gipfel in den Tuxer Alpen, den sie schon oft bestiegen hat. Unter dem Motto „Steinige Wege geht man gemeinsam“ würde sich Eineter darüber freuen, wenn auch viele Interessierte mitwandern. Treffpunkt ist um 8.30 bei der Krepperhütte am Großvolderberg. Fahrgemeinschaften wären sinnvoll, da es wenige Parkplätze gibt. Bei Regen fällt die Tour aus. Rund zwei Stunden wird der Aufstieg dauern. Und dann wird beim Wandern über das geredet, was Sylvia Eineter er- und überlebt hat. Um andere zu stärken, für den Fall, dass auch sie vom Endboss angegriffen werden.


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