Unternehmer Jürgen Roth: „Jeder sollte mal Unternehmer sein“

257 Tiroler Schüler gründeten heuer eine „Junior Company“. Auch Sebastian Kurz tat es seinerzeit. Es seien Erfahrungen, die prägen. So fordert Jürgen Roth: Jeder sollte zumindest einmal ein Unternehmen gründen.

Mit dem Unternehmertum kann man nicht früh genug beginnen, sagt „Junior Company“-Präsident Jürgen Roth.
© iStock

Herr Roth, Sie sind Präsident von Junior Company und selbst Unternehmer: In einem Interview sagten Sie, dass man mit dem Unternehmertum nicht früh genug beginnen könne.

Jürgen Roth: Ja, damit kann man nicht früh genug beginnen und ich würde das sogar noch weiterspielen: Meine Idealvorstellung wäre, dass jeder Mensch im Zuge seiner Ausbildung zumindest einmal mit dem Unternehmertum in Kontakt kommt. Mein Ziel ist es deshalb, 15- bis 19-jährige Schüler dazu zu bringen, im Zuge ihrer schulischen Ausbildung wirklich physisch ein Unternehmen zu gründen. Also einmal im Schnelldurchlauf das komplette Unternehmertum zu durchlaufen, von der Ideenfindung, der Organisation, der Produktion bis hin zur Präsentation. Das sind Erfahrungen, die prägen und nicht mehr vergessen werden, egal, welchen Weg man später einschlägt, ob auf Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerseite. Es gibt sogar Länder – das Junior Achievement ist europaweit schon länger etabliert –, in denen es sogar vorgeschrieben ist, dass Personen, die später politisch aktiv werden wollen, das Projekt durchlaufen müssen. Um ein unternehmerisches Verständnis zu erhalten. Auch in Österreich haben wir ein paar prominente Beispiele. Etwa unser Bundeskanzler: Sebastian Kurz war einer der Absolventen seiner Zeit.

Junior Company

Beim Programm „Junior Company“ gründen Schüler im Unterricht Unternehmen. Dabei geht es darum, jungen Menschen die Praxis vom Unternehmertum nahezubringen: Die Schüler entwickeln innovative Geschäftsideen, schaffen Unternehmensstrukturen und tragen die Verantwortung für den Erfolg ihres eigenen Unternehmens.

Die Junior-Programme von Junior Achievement Austria werden vom Netzwerk der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft und der Tiroler Wirtschaftskammer getragen. Die Teilnahme am Projekt Junior Company ist für Schüler der 7. bis 13. Schulstufe kostenlos. Je nach Programmvariante dauert das Projekt maximal ein Schuljahr. Am Programm beteiligen sich u. a. 
Handelsschulen und Handelsakademien, humanberufliche Schulen und Berufsschulen, landwirtschaftliche Fachschulen, Höhere Technische Lehranstalten und Gymnasien. Nähere Infos unter www.junior.cc

Die Krise hat auch die Junior Companys getroffen, die Wettbewerbe fanden heuer erstmals virtuell statt. War diese Krise für die Schüler eine gute Vorbereitung auf das reale Wirtschaftsleben?

Roth: Das glaube ich schon. Wir haben gesehen, dass eine digitale Revolution stattgefunden hat. In diesen wenigen Monaten wurde etwas vorweggenommen, von dem wir dachten, dass es Jahre dauern wird. Nun sind viele von uns innerhalb kurzer Zeit zu Digital Natives geworden. Das gilt auch für jene, die vielleicht glaubten, dass dies in ihrem Leben nicht mehr passieren würde. So macht mein über 70-jähriger Vater auf einmal Videokonferenzen. Und eigentlich ist das der Vorteil der jungen Menschen: Sie können sich auf eine derartige Situation noch schneller einstellen. Österreichweit haben sich alle Junior Companys wegen der Krise nicht aus dem Konzept bringen lassen, alle haben an den Online-Wettbewerben vor einer Online-Jury teilgenommen. Aber das ist wieder ein Skill, den die jungen Menschen gelernt haben und den sie in Zukunft brauchen werden. Produkte über ein digitales Medium zu verkaufen, wird wichtiger sein denn je. Somit haben wir aus der Not eine Tugend gemacht.

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Jürgen Roth
 (Unternehmer)
© Kurt Keinrath

Was lernen die Schüler durch dieses Projekt? Also, was sind notwendige Komptenzen, um erfolgreich ein Unternehmen zu gründen und zu führen?

Roth: Am Anfang steht einmal die Idee. Die Schüler müssen darüber nachdenken, was ein Produkt wäre, das am Markt eine Chance hätte. Das ist für mich einmal das Wichtigste. Denn damit wird der Erfindergeist geweckt. Österreich ist ein Forschungsland. Wir setzen uns über Qualität und Innovation durch. Deswegen brauchen wir junge Geister, die über den Tellerrand blicken. Die Kinder haben ein Gespür dafür, wo der Trend hingeht. Das ist das Erste. Das Zweite ist die Organisationsfähigkeit. Als Unternehmen brauchst du natürlich ein Team. Die Junior Company wird ja von einem Gutteil der Klasse gegründet und es muss innerhalb der Klasse bestimmt werden, wer welche Kompetenzen hat. Es braucht einen Verkäufer, einen Organisator, einen Buchhalter, usw. Dann wird produziert und schließlich präsentiert. Dass jemand mit 15 Jahren auf eine Bühne geht und dort in perfekter Manier ein Produkt verkauft, darauf bin ich besonders stolz. Denn ganz ehrlich, ohne Namen zu nennen, da kenne ich einige ältere Semester, die dazu nicht in der Lage sind.

Was brauchen Unternehmer von morgen?

Roth: Sie müssen ein Leben lang lernen und sich weiterbilden. Ohne das wird es nicht mehr gehen. Früher hat man eine Ausbildung gemacht. Diesen Job machte man dann meist sein ganzes Leben. Selbst als Unternehmer blieb das Berufsbild über einen langen Zeitraum relativ ähnlich. Jetzt dreht sich alles viel schneller. Durch die Krise haben wir gesehen, wie zügig sich die Welt wandeln kann. Das war für manche Branchen disruptiv. Das heißt, die Unternehmer von morgen müssen in der Lage sein, sich ganz rasch an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen, sie müssen flexibler sein, sie müssen sich viel mehr informieren, sie müssen stetig dazulernen, um auf veränderte klimatische Bedingungen in ihrem Habitat reagieren zu können. Und sie dürfen keine Dinosaurier sein, die denken, sie seien unsterblich.

Das Gespräch führte Nina Zacke

Tiroler Sieger-Company führt Unternehmen weiter

Vom Schüler zum Unternehmer: Die von den zwölf Schülern der Innsbrucker HTL Bau und Design gegründete Junior Company „blick.faen­ger“ gewann dieses Jahr den ersten digitalen Tiroler Junior-Landeswettbewerb. Sie setzten sich mit ihren kunstvoll gestalteten Magneten aus Holz sowie Keramik mit Tiroler Motiven wie etwa dem Goldenen Dachl gegen die restlichen 25 Jungunternehmen durch (die TT berichtete).

Auf die Idee kamen die Schüler während eines Italien-Urlaubs: „Auf der Suche nach einem besonderen Souvenir wurden wir nicht fündig, das Gleiche erlebten wir dann auch in Innsbruck.“ So kam es dazu, dass die HTL-Schüler dieses Souvenir selbst entwarfen und produzierten.

Mittlerweile hat sich das Gründerteam von zwölf auf zwei Personen reduziert. Für die beiden blick.faenger-Geschäftsführer Eva Siller und Anne Sausgruber ist nach dem Landessieg aber noch lange nicht Schluss. „Man hat in diesem Jahr viel Selbstständigkeit erreicht und eine gute Basis geschaffen, deswegen machen wir beide weiter“, erzählen Siller und Sausgruber im Interview. So führen die beiden Gründerinnen parallel zu ihrem letzten Schuljahr das Unternehmen zu zweit fort. Und die positive Resonanz auf ihre gefertigten Magnete gibt ihnen Recht. Das Produkt scheint auf eine Marktlücke zu treffen. „Wir haben schon einige Folgeaufträge erhalten, etwa im Bereich Sport sowie im Tourismus“, sagen die jungen Unternehmerinnen.


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