Erzählung aus der Heimat: Große Couch für begrenzte Redezeit

Regisseurin Manele Labidi plädiert in ihrem neuen Film „Auf der Couch in Tunis“ für eine Gesprächskultur.

Selma (Golshifteh Farahani, r.) und ihre Kusine Olfa (Aïsha Ben Miled) haben unterschiedliche Vorstellungen ihrer Zukunft in Tunis.
© Filmladen

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –Es ist nur eine Frage des Komforts, da ist sich der Imam Fares sicher. Stellt man ihnen einen gemütlichen Platz zur Verfügung, werden die Menschen auch sprechen. Psychoanalytikerin Selma (Golshifteh Farahani) hat deshalb eine ausladende Couch – und folglich auch Gäste mit Gesprächsbereitschaft.

Dass die Idee, eine Praxis für Psychoanalyse in Tunis aufzusperren, Früchte trägt, dessen war sich Selma im Film „Auf der Couch in Tunis“ sicher. Von Frankreich aus kehrt die junge Frau in ihre Heimat zurück. Hier ist sie geboren, hier ist ein Teil ihrer Familie. Sie selbst übersiedelte schon in jungen Jahren nach Paris. Doch Psychoanalytiker gibt es in der französischen Hauptstadt zuhauf. Nach der Revolution 2011 sieht Selma neue Möglichkeiten in Tunis. Gesprächstherapie gehört aber nicht zu den gesellschaftlichen Errungenschaften und bleibt Fremdwort: Selma wird nicht als Ärztin erkannt, höchstens als Hexerin.

📽| Video: "AUF DER COUCH IN TUNIS" Trailer

Mit solchen Vorurteilen geht die coole, tätowierte, rauchende Kosmopolitin aber locker um. An ihrer Berufswahl gibt es keine Zweifel. An der Ausübung hakt es anfangs aber noch: Die Praxis ist improvisiert auf dem Dach des Familienhauses. Und die Interessierten stehen bis in den Hof Schlange.

Aber erst nachdem Selma mit Baya (Feryel Chammari) eine ungewöhnliche Freundschaft schließt: Die Friseurin liefert Kunden und bekommt dafür selbst wöchentliche Redezeit. Es läuft. Solange bis die Polizei kommt: Genehmigung für ihre Praxis hat Selma keine. Polizist Naim (Majd Mastoura) ist in dieser Hinsicht überkorrekt: In Tunis sorgt er für Recht und Ordnung.

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Auf charmante und kurzweilige Art und Weise erzählt Regisseurin (und Drehbuchautorin) Manele Labidi mit „Auf der Couch in Tunis“ eine Geschichte aus ihrer Heimat. Auf den Filmfestspielen in Venedig wurde sie 2019 in der Nebenreihe „Giornate degli Autori“ dafür ausgezeichnet. Persönliche Schicksale bleiben im Film allerdings im Hintergrund: Als Selmas Patienten in der Gesprächstherapie zu ihren wunden Punkten vordringen, ist die Redezeit stets schon vorbei. Auch der politische Kontext bleibt bei „Auf der Couch in Tunis“ weitestgehend ausgeblendet. Es geht Labidi um eine größere Erzählung, um Herausforderungen, die universell sind; um den Umgang mit Sucht und gesellschaftlichem Druck oder Identitätsfragen. Labidi plädiert für eine Gesprächskultur.

Erzählung und Fiktion verschwimmen zunehmend

Eine gewisse Aufbruchsstimmung ist zu spüren: Selmas rebellische Kusine Olfa (Aïsha Ben Miled) etwa, die das Kopftuch bloß trägt, weil ihre neue Frisur misslungen ist, zieht selbst eine Hochzeit mit ihrem schwulen, französischen Freund Betracht, nur um schnellstmöglich nach Europa zu kommen. Ohne zu ertrinken.

Bei Selma hingegen verschwimmen Erzählung und Fiktion zunehmend. Sigmund Freud wacht in Form eines Porträts über ihre Praxis, als ihr Auto dann mitten in der Pampa hängen bleibt, ist es ausgerechnet ein Freud-Double, der sie rettet.

Ausdauer und Kreativität werden zu Idealen auserkoren: Bis die Genehmigung kommt, führt Selma ihre Sitzungen eben in ihrem schrottreifen Peugeot weiter. Hauptsache, es gibt ein Gespräch.


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