Österreichs NBA-Star Pöltl: „Micky Maus bin ich noch nicht begegnet“

In der Nacht auf Samstag setzt Österreichs NBA-Basketballer Jakob Pöltl die Saison fort (Sacramento Kings). Ein kurioser Start in Disney World.

Für Österreichs Basketball-Export Jakob Pöltl bietet sich beim Re-Start eine Chance – der Wiener rutschte zuletzt bei San Antonio in die Startformation.
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Als klar war, dass die NBA in Disney World die Saison fortsetzen wird, haben Sie wohl gleich Ihren „Eiskönigin“-Rucksack für die Reise nach Orlando eingepackt, mit dem Ihre Teamkollegen Sie in Ihrer ersten Saison in Toronto ausgestattet haben?

Jakob Pöltl (lacht): Das wäre lustig gewesen. Aber der liegt sicher zu Hause im Kasten.

Hat es schon ein Wiedersehen mit Elsa und Anna gegeben?

Pöltl: Nein, ich bin auch Micky Maus noch nicht begegnet. Die Angestellten sind entweder nicht da oder mit Mund-Nasen-Schutz unterwegs. Und wir dürfen auch nicht in die Freizeitparks.

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Waren Sie zuvor schon einmal in Disney World?

Pöltl: Nein, obwohl Achterbahnfahren Spaß macht. Früher war ich gerne im Wiener Prater.

Wie darf man sich die „Blase“ am Disney-World-Areal vorstellen?

Pöltl: Wir steigen vom Teambus aus, gehen in die Halle, in der wir trainieren oder spielen, und fahren dann sofort wieder zurück ins ein paar Minuten entfernte Mannschaftshotel.

Wie streng sind die Vorschriften im Hotel?

Pöltl: Die 22 Mannschaften, die die Saison zu Ende spielen werden, sind in insgesamt drei Hotels untergebracht. Wir dürfen uns nur im jeweiligen Hotelbereich bewegen. Es gibt strenge Richtlinien. Wenn man diesen Bereich verlässt, muss man in eine zweiwöchige Quarantäne.

Wie eingeschränkt fühlen Sie sich?

Pöltl: Natürlich verbringen wir viel Zeit im Zimmer. Aber es gibt ein Restaurant, eine Player’s Lounge und auch einen kleinen See, der an das Hotel grenzt. Da kann man mit dem Boot fahren und auch fischen.

Inwiefern fühlt sich die Zeit nach Quarantäne an?

Pöltl: Es ist sehr angenehm, die Teamkollegen jederzeit sehen zu können. Diesen Luxus habe ich beim Lockdown in San Antonio nicht gehabt. Aber wochen- oder hoffentlich sogar monatelang in einem kleinen Zimmer zu sein, ist schon irgendwann mühsam. Zum Glück habe ich meine Playstation dabei.

Was ist der größte Vorteil?

Pöltl: Der Reisestress mit dem vielen Fliegen geht mir wirklich nicht ab. Das ist angenehm.

Florida gilt als Epizentrum der Pandemie. Inwieweit haben Sie Sicherheitsbedenken?

Pöltl: Zu Beginn habe ich mir genau angehört, wie es ablaufen soll, und mir alles zweimal überlegt. Aber im Endeffekt war ich mir relativ sicher, dass alles gut organisiert ist. Ich wollte ja unbedingt Basketball spielen. Mir hat das enorm gefehlt. Jetzt bin ich zufrieden mit der Entscheidung. Ich bereue nichts.

Wie hat sich das erste Balltraining nach dem monatelangen Lockdown angefühlt?

Pöltl: Es hat sich alles sehr fremd angefühlt. Nie zuvor habe ich so lange nicht werfen und dribbeln können. Nachdem ich die Heimtrainings überwiegend in Socken erledigt habe, war es auch sehr ungewohnt, mit Basketball-Schuhen auf dem Parkett zu stehen. Da bin ich zu Beginn etwas herumgestolpert. Aber mittlerweile habe ich die Bewegungsabläufe wieder intus.

Sie haben gute Vorstellungen in den drei Testspielen gezeigt. Wie lautet das Ziel für die restlichen acht Spiele?

In diesem Disney-Komplex in Orlando setzt die NBA ihre Saison fort.
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Pöltl: Wir dürfen uns keinen Ausrutscher erlauben, um unser Ziel, die Play-offs, zu erreichen. Wir müssen zumindest auf Platz neun der Western Conference kommen.

Inwiefern fürchten Sie, dass das Rassismus-Problem in Vergessenheit gerät?

Pöltl: Der Aufruhr wird nie so groß sein wie direkt nach einem Vorfall wie bei George Floyd. Unsere Aufgabe ist es aber, das Thema am Leben zu halten. Wir müssen als NBA immer wieder Schwerpunkte setzen und Schwung reinbringen. Man kann nie genug darüber reden. Aber wir haben einen langen Weg vor uns.

In welchem Bereich würden Sie ansetzen?

Pöltl: Das ist eine riesige Baustelle. Es gibt so viele verschiedene Seiten, von denen man das Thema angehen kann. Ein Ansatz wäre es, die junge Generation mit Aufklärung und Bildung für das Thema zu sensibilisieren.

Obwohl ich glaube, dass ich weltoffen bin und einigermaßen weiß, was um mich herum abgeht, wüsste ich vieles gar nicht, wenn mir meine Teamkollegen nicht ihre Erfahrungen schildern würden. Da wird einem erst das Ausmaß der Situation bewusst und man merkt, wie blind man dem Ganzen gegenüber eigentlich war.

Das Gespräch führte Michael Lorber (Kleine Zeitung)


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