„Elektra“ bei den Salzburger Festspielen: Die tiefen Katastrophen der Familie

Mit Richard Strauss’ Oper „Elektra“ starteten am Samstag, der Corona-Pandemie trotzend, die Salzburger Festspiele eindrucksvoll mit den Feiern zum 100-jährigen Bestehen.

Asmik Grigorian (l., als Chrysothemis) und Aušrine Stundyte als Elektra. Franz Welser-Möst (vorne l.) dirigiert die Wiener Philharmoniker.
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Von Ursula Strohal

Salzburg – Noch bevor die Wiener Philharmoniker ihre ersten Schläge setzen, flirren in der Salzburger Felsenreitschule die Zikaden und darf Klytämnestra – endlich einmal – ihre Leidensgeschichte herausschreien, die das Grauen der Familiengeschichte prägt. Ihr Gatte, König Agamemnon, hat um der Karriere, des Sieges der Griechen über Troja willen, die älteste gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert. Was Klytämnestra nicht erzählt, sind noch tiefer liegende Ereignisse. Sie war bereits verheiratet, hatte einen kleinen Sohn, als Agamemnon einbrach, Mann und Kind tötete, Klytämnestra vergewaltigte und zur Ehe verschleppte. Mit ihm hat sie vier Kinder. Als er nach zehn Jahren vom Trojanischen Krieg heimkehrte, erschlug sie ihn und ist nun schlaflos vor Schuld.

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Die Arkaden der Felsenreitschule sind geschlossen und werden zur Projektionsfläche für Blutströme, darüber die Erinnyen als sich wild verdichtender Zikadenschwarm. Orest, der den rächenden Muttermord begangen hat, entrinnt nicht den Rachegöttinnen und verfällt dem Wahnsinn. Seine Schwester Elektra, die der Mutter den Mord am Vater Agamemnon nicht verziehen hat und verachtet am Rand der Familie bis zur Selbstaufgabe der Rache lebt, kann nach dem Vollzug nur noch in letzten spastischen Zuckungen tanzen. So bleibt allein ihre Schwester Chrysothemis, die sich wohl die Sehnsucht nach einer eigenen Familie erfüllen wird.

„Elektra“ gehört in diese Sommersaison als erste gemeinsame Arbeit der Festspielgründer Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Regisseur Krzysztof Warlikowski zeigt eine klare, hochsensible Familienkonstellation mit jenem psychologischen Tiefgang, wie man ihn um die Entstehungszeit der Oper, 1909, entdeckte.

Elektra als unheilbar gebrochene junge Frau, die ihre Ausbrüche hat, aber noch ihre zarten Seiten und hellen Sehnsüchte kennt – weg von den stampfenden Rachemaschinen. Sie ist imstande, sich an dessen Todestag den Vater zu imaginieren. Aušrine Stundyte singt sie differenziert mit ihrem herrlichen, auch durchaus lyrischen Sopran.

Passend abgesetzt, heller strahlend, ist die als Chrysothemis verführerische Stimme von Asmik Grigorian. Tanja Ariane Baumgartners Klytämnestra hat Reife und auch in der Regieführung nicht immer Ausstrahlung. Michael Laurenz blitzt als Ägisth auf, Derek Weltons Orest Stimme zeigt Charakter. Erstklassig besetzt das Personal des Hauses.

Das Problem der Inszenierung liegt bei Małgorzata Szczesniak. Nicht im Bühnenbild, das mit dem Wasserpool, dem Poolhaus und den Duschen auf das „Bad“, in dem Agamemnon erschlagen wurde, Bezug nimmt. Aber bei den Kostümen: Aus Elektra mit weißem Kleidchen, rotem Jäckchen und Täschchen und Chrysothemis im Fummel macht sie Girlies, Orest verliert im Norwegerpulli.

Grandios die Wiener Philharmoniker, sicher und untheatralisch geleitet von Franz Welser-Möst. Die Ausbrüche erschüttern, ohne nur gewalttätig zu sein, berückende Soli sind hörbar, Strauss’ Tiefgang wird wissend vollzogen, von unfassbarer Schönheit die Erkennungsszene. Genial – Licht: Felice Ross –, wenn die Dirigentenbewegung abstrahiert sich bei Gewaltszenen im dunkeln Pavillon spiegelt und so Musik und Handlung verschmelzen.


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