„Jedermann“-Premiere in Salzburg: Schaumgebremste Party zum 100er

Hofmannsthals „Jedermann“ und die Salzburger Festspiele sind seit 1920 fest miteinander verwachsen. Die Jubiläumsausgabe unterhält, ohne zu begeistern.

Von wegen „La vie en rose“. Jahrhundert-Jedermann Tobias Moretti mit Buhlschaft Caroline Peters in einem Moment des Glücks. Wir wissen es längst: Beider Spaß ist von langer Dauer nicht.
© Matthias Horn

Von Markus Schramek

Salzburg – Die eigentliche Sensation ist, dass der „Jedermann“ – und rund um ihn die Salzburger Festspiele – überhaupt stattfinden in diesem so veranstaltungsfeindlichen Jahr. Dass dem so ist, daran haben die Stars auf der Bühne ihren Anteil. Sie müssen sich kasteien und kasernieren und fernhalten. Und dann gibt es etliche nicht näher bekannte Damen- und Herrschaften, ohne die wir Premierengäste gleich wieder kehrtmachen könnten auf dem mehr oder weniger hohen Absatz.

📽️ Video | Regen bei Festspielpremiere:

So wie am Samstag jener herrlich grantelnde Platzanweiser im Großen Festspielhaus, wohin der „Jedermann“ flüchten muss, weil sich über dem Domplatz ein Unwetter zusammenbraut. „Bleiben Sie bitte auf Ihren Sitzen!“, bellt der dienstbare Herr hinter seinem Plexiglasvisier hervor, als im Saal ein munteres „Plätzchen, wechsle dich“ losbricht. Wegen Corona ist jeder zweite Sessel notgedrungen leer. Da überkommt manch einen die Lust auf einen Positionswechsel, Virus hin, Vernunft her. Der Saaldiener lässt solchen Unfug nicht einreißen und holt sich verdientermaßen den ersten Applaus des Abends.

Auf der Bühne des Festspielhauses also, immerhin mit einer dem Dom nachgestylten Kulisse, der Urkern der Festspiele: Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, das Spiel vom Sterben des gleichnamigen Schnösels, eines Parvenüs, Womanizers und Partytigers, der auf das Christ-Sein hustet und sich geriert, als sei er der Mittelpunkt der bewohnten Welt.

Seit dem 22. August 1920, als Festspielgründer Max Reinhardt den „Jedermann“ erstmals vor dem Salzburger Dom inszenierte, ist das volksnahe, für moderne Ohren gestelzt klingende Stück nicht kaputtzuspielen, 100 Jahre nun schon. Bei einer solchen Laufzeit wirkt mancher Musical-Klassiker am Broadway wie ein Frischling.

Musik ist auch beim „Jedermann“ wichtig. Wolfgang Mitterer hat den stimmigen Begleitsound komponiert. Live-Musiker spielen ein Lied vom Tod, bitter und süß. Die Zuseher wollen schließlich unterhalten werden, sie kennen den Stoff in- und auswendig und gönnen sich manches Päuschen, um verbotenerweise zu fotografieren.

Höllischer Frust. Teufel Gregor Bloéb geht der zum Glauben bekehrte Jedermann durch die rußigen Finger (links Mavie Hörbiger als Werke).
© APA

Das handelnde Personal ist unter Michael Sturmingers vierter „Jedermann“-Regie seit dem Vorjahr weitgehend unverändert. Tobias Moretti, zum letzten Mal in der Titelrolle, legt den „Jedermann“ als rabiates Zornbinkele an, das beim ersten Hauch von Widerspruch die Fassung verliert. Moretti ist Routinier. Wahrscheinlich könnte man ihn um drei Uhr nachts aus dem Schlaf reißen und er würde Hofmannsthal rezitieren, weitgehend unfallfrei.

Caroline Peters ist „Jedermanns“ neue Gespielin vulgo „Buhlschaft“. Die Rolle ist für das gewaltige Potenzial der Burgschauspielerin entschieden zu eng. Jemand wie Peters ist nicht darauf zu reduzieren, blond zu sein, meinetwegen auch sexy, und in einem roten Glitzerhosenanzugrock über die Bühne zu fegen. Immerhin, sie bringt Leben in die zunehmend morbide Bude. Als Mensch gewordenes Sahnehäubchen auf einem Riesending von Torte schmachtet sie dem verwöhnten Liebhaber (und wohl auch dem Jubilar Salzburger Festspiele) ein „Happy Birthday“ entgegen – Marilyn Monroe schau oba. Da müssen alle kichern, Moretti und Peters inklusive.

Moralinsäuerlich, wie der „Jedermann“ nun einmal ist (kapiert es endlich: Unrecht gut gedeihet nicht!), kommen die weniger textlastigen und mehr drauflos spielenden Parts besonders an. Morettis Bruder Gregor Bloéb ist als guter Gesell Jedermanns aalglatter Erfüllungsgehilfe mit Geldkoffer und Auftragsbuch. Seine zweite Rolle als rotzfrecher Teufel ist Bloéb auf den Leib geschneidert, perfekt sitzend wie die diabolisch enge Stretch-Tight samt drei Meter langem Schweif.

Peter Lohmeyer ist als Tod ein entrücktes, krakenhaft-gelenkiges Wesen, eine Art Lord Voldemort, nur nicht ganz so opferdürstig. Christoph Franken (Mammon), Sinnbild für Jedermanns Geld-Besessenheit, sorgt als raschelndes Knäuel aus Gold-Lametta für Erheiterung. Mavie Hörbiger steuert wie stets knapp vor der Ohnmacht durch ihre Rolle als Jedermanns schwächelnde Werke. Edith Clever, des reichen Mannes Mutter, ist dessen Gegenentwurf: liebevoll und herzensgut.

Der Schlussapplaus kommt verspätet, weil dabei wieder Maskenpflicht herrscht (Spuckgefahr?). Der Beifall bleibt höflich-freundschaftlich. Ein Jahrhundertereignis war das mit Sicherheit nicht.


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