Aufgeweckter Baumschläfer im Tiroler Oberland gibt Rätsel auf

Viele glauben zu wissen, was in den Wäldern vor unserer Haustür vor sich geht. Dass das ein großer Irrtum sein kann, zeigt die Spurensuche nach einem geheimnisvollen Baumbewohner im Oberland.

So einfach lässt er sich normalerweise nicht fotografieren. Der Baumschläfer ist ein sehr scheues Tierchen.
© Maurizio Bedin

Von Matthias Reichle

Pfunds, Ötztal – Lebt ein Tier seit Jahrzehnten unentdeckt in Oberländer Wäldern – ohne aufzufallen? Forscher vermuten, ja. Der geheimnisvolle „Nachbar“ ist gerade einmal 80 bis 113 Millimeter lang, wiegt 15 bis 60 Gramm und hat einen buschigen Schwanz. Allein sein Name verrät, wo er normalerweise zu finden ist – man nennt ihn Baumschläfer.

„Wir wissen ganz wenig über ihn“, gesteht Christine Resch. Die Wissenschafterin macht sich ab Herbst mit ihrem Partner Stefan Resch auf die Suche nach dem possierlichen Waldbewohner.

Keine einfache Aufgabe bei einem vom Aussterben bedrohten Kleinstsäugetier, das zudem dämmerungs- und nachtaktiv ist und dichtes Unterholz als Lebensraum bevorzugt. Die Forscher werden im Ötztal und vermutlich auch in Pfunds 60 Kobel aufhängen – das sind Unterschlupfe, die an Vogelhäuschen erinnern –, in die die Baumschläfer dann hoffentlich einziehen, erläutert Resch den Plan. Trotz aller Schwierigkeiten sind die Forscher optimistisch. „In Nordtirol lassen mehrere historische Nachweise bis zum Jahr 1977 und das Vorhandensein gut geeigneter Lebensräume ein heutiges Vorkommen des Baumschläfers möglich erscheinen“, erklärt Stefan Resch. „Es gibt ältere Nachweise in den Gemeinden Oetz, Sölden, Serfaus und Pfunds.“ Weil man so wenig über das Tierchen weiß, nimmt man verschieden gebaute Kobel und bringt sie auch auf unterschiedlichen Höhen an – um seinen Geschmack am besten zu treffen. Man betreibe hier regelrecht „Grundlagenforschung“, so Christine Resch.

Durchgeführt werden die Untersuchungen im Rahmen des grenzüberschreitenden Projekts „Der Baumschläfer in der Terra Raetica“. Sowohl die Schweiz als auch Südtirol beteiligen sich, wie die Koordinatorin des Arbeitskreises „Natura Raetica“, Ulli Totschnig, erklärt. Auch südlich des Reschen wusste man lange wenig über das Kleinsäugetier. „Aus Südtirol sind zwei historische Funde des Baumschläfers aus den Jahren 1880 und 1912 bekannt. Anschließend konnte erst im Jahr 2000 erneut ein Baumschläfer nördlich von Bozen auf 1770 Metern nachgewiesen werden.“ Inzwischen gibt es aber 20 gesicherte Vorkommen. „Die jüngsten Nachweise stammen von Juni und Juli 2020 aus dem Martelltal“, betont Eva Ladurner, Expertin für Kleinsäuger am Naturmuseum Südtirol.

Nordtirol hingegen ist in jüngerer Zeit noch ein weißer Fleck. „Da denkt man, es sei alles bekannt“, wundert sich auch Thomas Schmarda, Geschäftsführer des Naturparks Ötztal – gerade weil es sich um ein Säugetier handelt. „Wir wissen noch vieles nicht“, betont auch er. Als Untersuchungsbereiche sind das Gebiet um den Piburger See, Obergurgl und Pfunds im Gespräch. Neben dem Naturpark beteiligen sich auch der Nationalpark Stilf­serjoch und Unesco-Biosfera Engiadina Bassa Val Müstair am Projekt. Aktuell konnte der Baumschläfer in Müstair nahe der italienischen Grenze nachgewiesen werden, so Totschnig. Knapp zwei Jahre wird man nun forschen. Die Kosten, 49.280 Euro, werden zu 70 Prozent über das Interreg­programm Italien-Österreich und vom Land gefördert.


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