Gault&Millau-Genuss auf 1964 Höhenmetern

Marion Moebus lebt das ganze Jahr über auf der Ehenbichler Alm, hoch über Rinnen im Außerfern. Die Ruhe dort nutzt sie, um Rezepte zu kreieren – wie das ihres Almgartopfs.

© Vanessa Rachlé / TT

Würde das Leben immer vor sich hinplätschern – es wäre doch langweilig. „Darum habe ich mich für einen unkonventionellen Schritt entschieden. Der bringt Pfeffer ins Leben“, sagt Marion Moebus. Beruf: Chemielaborantin. Berufung: Almwirtin.

An Pfeffer fehlt es der 57-Jährigen nicht. Ihr fesches Dirndl weht um ihre Beine, so rasch saust die Pächterin der Ehenbichler Alm, hoch über Rinnen, durch die Räume. Ein kurzer Plausch mit Gästen, Teller abservieren, Enkel Aaron liebevoll über den Kopf streicheln und in der Küche assis­tieren. All das absolviert Moebus innerhalb einer Minute: „Woher ich diese Energie habe? Frische Bergluft und abends ,a Woazn‘.“

Leben auf 1694 Höhenmetern

Vom Abendbier trennen sie allerdings noch einige Stunden, die viel Arbeit beinhalten. Gerade unterstützt Moebus ihren Koch Florian Fiegl bei der Zubereitung des eigens für die Alm konzipierten Gartopfs. Der Duft gegrillter Zwiebelringe erfüllt den Raum. Dampf, der vom geschmorten Gemüse aufsteigt, beschlägt die Fenster. Flammen züngeln am Herd.

Enkel Aaron steht andächtig daneben, sieht Fiegl zu, wie er Bio-Ziegenfleisch aus der Pfanne fischt und fragt: „Gibt’s bald Essen oder bleibt mir davor noch Zeit zum Schnitzen?“ Wirtin Moebus lacht: „Für meine vier Enkel, die im Tal leben und bei mir einige Ferientage verbringen, ist die Zeit hier oben in den Lechtaler Alpen, auf 1694 Höhenmetern, etwas Besonderes. Wo sonst können sie so viele ungefährliche Abenteuer erleben. Der elfjährige Aaron betreut jeden Tag seine ,Projekte‘ – vom Schnitzen übers Schwammerlsammeln bis zum Kühehüten mit dem Opa.“

Opa Thomas Moebus hat auch einen unkonventionellen Lebensweg eingeschlagen: Aus dem einst überzeugten Berliner – was seine „Berliner Schauze“ untermalt – wurde hauptberuflicher Hirte: „Eigentlich bin ich Malermeister. Aber nichts bereitet mir solche Freude wie der Umgang mit Kühen inmitten der Natur.“

Obwohl Moebus letztere zur Genüge kennt, hat sein Blick etwas Andächtiges, wenn er die schroffe Kulisse betrachtet: „Trotz der Wolkenberge kann man bis zur Zugspitze sehen. Hier oben auf der Ehenbichler Alm, das ist Freiheit. Zeitlose Freiheit.“

140 Kühe, die quasi Sommerfrische auf der Alm machen, muss Moebus jeden Tag besuchen. Eine große Aufgabe. Schließlich steht den Tieren ein 200-Hektar-Areal zur Verfügung. Wie bitte soll man da alle im Auge behalten? „Erziehung“, lautet Moebus’ Antwort.

Während er in massiven Bergschuhen eine steile Wiese hinabmarschiert, stimmt er seinen „Kuh-Gesang“ an. „Wuuusale, zeigt euch her“, trällert Moebus – und siehe da –, es wirkt! Schon stapfen die ersten 600-Kilo-Tiere auf ihn zu. Kein Zweifel, dass Moebus einen Draht zu ihnen hat: „Ich kenne ihre Namen zwar nicht, aber sie merken, dass ich sie wertschätze. Über die Monate beobachte ich, welche Charaktere sie haben und wie sie sich in der Gruppe verhalten. Tiere, die im Tal im selben Stall leben, verbringen auch hier die Zeit gemeinsam.“

Deren Fleisch zu essen, würde der Hirte nicht übers Herz bringen. Wild und Bio-Ziege vom lokalen Produzenten hingegen schon. „Hirschsteak und Co. bieten wir nicht nur beim Bergherbst an (www.ehenbichler-alm.com), sondern auch, wenn es das Angebot hergibt“, erklärt Wirtin Moebus. Überhaupt werden Lokalität und Frische großgeschrieben: „Ich sammle selbst Blutwurz für Schnaps, Arnika für Salben, sowie Kräuter und Schwammerl’ für unsere Speisen.“

150 Kilo Steinpilze gesammelt

Bei all der Zeit, die Moebus im Wald verbringt, überrascht es nicht, dass sie die besten Pilzverstecke kennt: „Letztes Jahr haben wir 150 Kilo Steinpilze gefunden.“

Nachts, wenn Moebus, die das ganze Jahr über auf der Alm wohnt, zur Ruhe kommt, setzt sie sich ans Fenster ihrer kleinen Wohnung, hört das Rascheln der Füchse, sieht ab und an ein Blesshuhn und kreiert möglichst einzigartige Rezepte: „Der Almgartopf hat mich fasziniert, weil Fleisch darin im eigenen Saft schonend gedämpft wird. Durch den kegelförmigen Deckel entsteht ein Dampfgarkreislauf, der Nährstoffe auf natürliche Weise erhält und dem Essen seinen typischen Geschmack verleiht.“

Im Gault&Millau vertreten

Moebus hat nicht zu viel versprochen: „Das Fleisch ist ebenso saftig wie würzig, das Gemüse knackt bei jedem Biss.“ Kein Wunder, dass die Ehenbichler Alm im Restaurantführer Gault&Millau genannt wird: Von hervorragender Suppe mit Kaspressknödeln, deftigen Käsespätzle und Spanferkeln ist dort die Rede.

Klingt, als wäre nach dem Schlemmen ein Verdauungsspaziergang notwendig. Der führt eine oder drei Stunden lang ins Tal – je nachdem, welche Route man wählt. Wer höher hinaus will, kann von der Alm aus die Knittelkar- und Abendspitze sowie das Galtjoch ansteuern.

Moebus kennt diese Gipfel seit ihrer Jugend: „Mein Vater war oft mit mir in den Bergen. Das hat meinen Wunsch, Hüttenwirtin zu sein, geweckt.“ Allerdings hatte sie lange keine Möglichkeit, den auszuleben, weil sie mit 21 Jahren Witwe wurde: „Damals waren meine Töchter zehn Monate und zwei Jahre alt. Um Geld zu verdienen, musste ich arbeiten, wo immer es ging – ob als Kellnerin im Pub oder an der Schank. Tag und Nacht.“

Emsig anpacken muss Moebus auch heute noch: „Die Pacht für die Ehenbichler Alm zu erwirtschaften, ist nicht einfach, aber die Mühe lohnt sich. Hier arbeite ich nämlich nicht mehr umgeben von dröhnender Musik, sondern von Vogelgezwitscher.“


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