Suche nach Ursache für Explosionskatastrophe in Beirut

Im Libanon wird nach der Ursache für die Detonationen in der Hauptstadt Beirut vom Dienstag mit mindestens 73 Toten und 3.700 Verletzten gesucht. Laut Premier Hassan Diab könnten die Explosionen von einer großen Menge Ammoniumnitrat ausgelöst worden sein. Die Substanz sei jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen gelagert worden. Bei dem Unglück wurde auch Österreichs Botschaft beschädigt.

Hinweise auf einen Anschlag oder einen politischen Hintergrund gab es vorerst nicht. US-Präsident Donald Trump erklärte allerdings, die Detonation könnte ein Anschlag gewesen sein.

Es sei „unvertretbar“, dass eine Ladung von schätzungsweise 2.750 Tonnen der Substanz in einer Halle am Hafen gelagert worden sei, sagte Diab in der Nacht zum Mittwoch dem Präsidialamt zufolge. Das Material sei dort sechs Jahre lang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelegen. Ammoniumnitrat, das auch zur Herstellung von Sprengsätzen dienen kann, kann bei höheren Temperaturen detonieren. Die Substanz dient zum Raketenantrieb und vor allem zur Herstellung von Düngemittel.

Präsident Michel Aoun berief für Mittwoch eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts ein, um die Ursachen der Explosion zu klären. „Ich werde nicht ruhen, ehe ich den Verantwortlichen kenne und ihm die härteste Strafe gebe“, sagte Aoun laut Zitaten des Präsidialamts bei Twitter.

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Große Teile des Hafens und der umliegenden Stadtgebiete wurden verwüstet. Auf Bildern waren unter Trümmern eingeklemmte Menschen zu sehen, viele von ihnen blutüberströmt. Die Krankenhäuser seien mit den vielen Verletzten komplett überlastet, sagte Gesundheitsminister Hamad Hassan beim Besuch eines Hospitals. Der Oberste Verteidigungsrat des Landes erklärte die Stadt zur „Katastrophenzone“.

Von den Explosionen war auch die österreichische Botschaft in der libanesischen Hauptstadt betroffen: „Das Botschaftsgebäude in Achrafieh wurde beschädigt und es steht derzeit nicht fest, ob die Botschaft als Büro in den nächsten Tagen funktionsfähig sein kann“, schreibt die Auslandsvertretung auf ihrer Facebook-Seite.

Die Botschaft sei aber rund um die Uhr über eine Notfall-Telefonnummer erreichbar, wird betont: „Bitte kontaktieren Sie, falls Sie Angehörige suchen oder Ihnen bekannt geworden ist, dass österreichische Staatsbürger durch diese Katastrophe in Beirut verletzt sind oder Hilfe benötigen, die Botschaft telefonisch unter folgenden Nummern: +961 1 213 052 oder +961 1 213 017. Sie hören dort auf einer deutschsprachigen Banddurchsage die Mobil-Nummer welche Sie in dringenden Notfällen wählen können. Diese Notfall-Telefonnummer der Österreichischen Botschaft Beirut ist permanent erreichbar.“

Auch das Gebäude, in dem sich die deutsche Botschaft in Beirut befindet, wurde nach Angaben des Auswärtigen Amts in Berlin beschädigt. Das Auswärtige Amt schrieb auf Twitter, auch Mitarbeiter der Botschaft in Beirut seien unter den Verletzten. Beschädigt wurde auch ein Schiff der Vereinten Nationen: Blauhelmsoldaten der UN-Mission im Libanon (Unifil) seien verletzt worden, einige von ihnen schwer, hieß es in einer UN-Erklärung.

Im Hafen waren Container verbogen wie Konservendosen, ihr Inhalt auf dem Boden zerstreut. Schiffe standen in Flammen, Autos brannten aus. In den umliegenden Straßenzügen wurden Fensterscheiben und Schaufenster zertrümmert. Über der gesamten Hafengegend lag eine riesige Rauchwolke.

Noch Stunden nach den Explosionen kreisten Hubschrauber über der Gegend, um gegen die Flammen anzukämpfen. Die Detonationen waren im gesamten Land zu hören gewesen - und auch im 240 Kilometer entfernten Nikosia auf der Mittelmeerinsel Zypern.

„Alle Gebäude hier in der Gegend sind eingestürzt“, berichtete Makruhie Jerganian, die seit Jahrzehnten nahe des Hafens wohnt. „Ich habe vieles erlebt, aber so etwas noch nie“, sagte die pensionierte Lehrerin, die auch den Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 in dem arabischen Land miterlebte.

Der Libanon befindet sich seit Jahren in einer Abwärtsspirale: Das Land leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise, fast die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Die Krise wurde in den vergangenen Monaten durch die Corona-Pandemie verschlimmert.


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