Wenn die Party um ein Uhr endet: Tiroler Clubs in der Krise

Nach wie vor müssen Clubs und Bars zur Eindämmung des Coronavirus um ein Uhr schließen. Wie lange das noch so bleibt, ist unklar. Den Betreibern macht vor allem die Planungsunsicherheit enorm zu schaffen.

Im Innsbrucker Club Dachsbau wird nur geprobt, Publikum gibt es keines.
© Dachsbau/Jacob Crowd

Innsbruck, Zell, Westendorf, Kirchbichl – Ratlosigkeit herrscht in der Nachtgastronomie. Die Ein-Uhr-Sperrstunde ist mit Juli gefallen – allerdings nur für geschlossene Veranstaltungen wie Geburtstagspartys oder Hochzeiten. Viele Diskotheken und Nachtclubs haben deshalb nach dem Lockdown gar nicht erst wieder aufgesperrt. So zum Beispiel der Club „Dachsbau“ in Innsbruck. „Das größte Problem ist, dass wir nicht wissen, wie lange das noch andauert. Wir brauchen Planungssicherheit, um einschätzen zu können, wie viele Schulden wir noch machen können und wann wir die Reißleine ziehen“, sagt Betreiber Fred Lordick. Gelder aus den Hilfspaketen des Bundes habe man bekommen – das reiche aber nicht aus, um davon leben zu können. „Das ist eine Hilfe, aber keine Lösung“, sagt Lordick und geht davon aus, dass dies lediglich Insolvenzen verschleppe. Die ganze Nacht durchgefeiert werde in Innsbruck aber trotzdem, weiß Lordick: „Es werden genügend Partys veranstaltet, die gehen bis in die Morgenstunden.“

Für Patrick Liebhart, der den „Innkeller“ sowie die Bar „Da Vincenzo“ direkt am Domplatz betreibt, ist die Sperrstunde um ein Uhr nicht das größte Problem. Er beklagt vielmehr einen massiven Geschäftsrückgang an den Abenden unter der Woche. Die Finanzhilfe der Regierung sei kaum der Rede wert. Er habe bislang insgesamt 2000 Euro bekommen. Liebhart ist überzeugt davon, dass das böse Erwachen noch kommt. „Wir leben in einer Blase. Noch werden Kredite gestundet, die Gesundheitskasse und das Finanzamt halten sich Gott sei Dank auch noch zurück. Aber irgendwann kommt der Tag der Abrechnung. Und dann? Wir werden uns noch anschauen“, befürchtet Liebhart.

Das „Filou“, ein Urgestein der Innsbrucker Clubszene, sperrt eigentlich erst um 22 Uhr auf. Angesichts der Lage wurde die Öffnungszeit aber kurzerhand auf 19 Uhr vorverlegt. Für den Betreiber ist das ein guter Kompromiss, der Geschäftsrückgang liegt bei rund 20 Prozent. Das sei nicht so dramatisch, heißt es aus dem Filou.

Ferdinand Lechner aus Zell betreibt die „Krocha-Alm“ bei der Rosenalmbahn in Zell/Rohrberg und ist Besitzer der „Mausefalle“ in Stans. Er weiß um die Sehnsucht der jungen Leute nach Normalität und Gesellschaft. „Die Jungen wollen raus und da bilden sich schnell größere Gruppen. Wir haben bei der Krocha-Alm Einlassbeschränkungen und Securitys, um sie auseinander zu halten. Bei der Mausefalle läuft das genauso ab“, schildert er. „Uns ist bewusst, wenn da was passiert in Sachen Corona, dann trifft es die ganze Region.“

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Die „Krocha-Alm“, ein Après-Ski-Lokal mit großer Terrasse, das auch im Sommer geöffnet hat, bietet Platz für 600 Leute. „Ich lasse derzeit 150 rein, weil ich keine Probleme will“, sagt Lechner. Die Ein-Uhr-Sperrstunde sorge für Probleme. Werfe er Punkt ein Uhr alle aus dem Lokal, gebe es Probleme mit den Taxis. Daher lasse er das Lokal „leerlaufen“, indem die Musik abgedreht wird und es keinen Ausschank mehr gibt.

Im Bezirk Kitzbühel ist die Situation speziell, da es durch den Tourismus keine klassischen Ganzjahresnachtlokale gibt. Trotzdem ist man auch hier angespannt, vor allem in Hinblick auf die Wintersaison. In dieser Zeit haben dann wieder in jedem Ort viele Lokale offen. Vor allem gespannt sind die Betreiber von Après-Ski-Lokalen wie dem „Gerrys Inn“ in Westendorf. „Wir würden jetzt mit den Planungen für den Winter beginnen. Etwa mit der Personalsuche und der Planung des Unterhaltungsprogramms“, schildert einer der beiden Eigentümer, Josef Lenk. Er weiß aber noch nicht, was im Winter auf ihn zukommt. „Wir haben auch Verständnis für die Regierung, dass sie nicht so weit voraus entscheiden kann. Aber für uns ist die Situation halt echt schwer“, schildert Lenk. Man habe sich entschieden, ganz normal zu planen, „aber immer mit dem Zusatz – wenn nix ist, ist nix“, erklärt der Barbesitzer. Lenk wünscht sich jedenfalls eine bundesweit einheitliche Lösung. „Und nicht dass zum Beispiel in Salzburg Après-Ski möglich ist und in Tirol nicht.“

Die relativ frühe Sperrstunde bereits gewohnt ist man im Bezirk Kufstein. Hier gibt es nur vereinzelt Lokale, deren Betriebsanlagengenehmigung längere Öffnungszeiten als bis ein Uhr zulassen. Die Ära der Diskotheken ist hier vorbei, die Türen einer großen Disco in Radfeld sind längst geschlossen, auch in Kufstein sperrte der Tanzstadl „Arabia“ Ende 2019 nach 66 Jahren zu. In der „Partymaus“ in Kirchbichl wiederum stehen nach dem Großbrand vor etwas mehr als zwei Wochen erst einmal Sanierungsarbeiten an – wie berichtet, war hier ein Brandstifter am Werk.

Alexander Ballay von der „Pool Hall Alex“ in Imst betreibt eines von drei verbliebenen Nachtlokalen in Imst: „Wir haben schon vor Jahren unseren Betrieb etwas umgestellt und früher aufgesperrt. Mit Billard und Dart und zwei Vereinen hat sich mein Geschäft etwas verlagert. Klar ist es weniger, als wenn wir bis zwei oder drei Uhr offen hätten. Die Privatpartys laufen sowieso weiter.“ (dd, ad, jazz, aha, top)


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