Die Berge bröckeln: Das Zuckerhütl baut ein wenig ab

Wegen Steinschlaggefahr führen die Stubaitaler Bergführer nicht mehr auf den Hauptgipfel des Zuckerhütls (3507 m) am Ende des Tals. Doch nicht nur der höchste Berg der Stubaier Alpen bröckelt.

Am Zuckerhütl in den Stubaier Alpen nagt die Klimaerwärmung.
© iStockphoto

Von Irene Rapp

Innsbruck – An die tausendmal ist Sepp Rettenbacher – Leiter der Bergsteigerschule Stubai und Präsident des Verbandes der Alpinschulen Österreichs – bereits am Zuckerhütl gestanden: höchster Berg der Stubaier Alpen, beliebtes Ziel bei Einheimischen wie auch Touristen.

Doch im Herbst des Vorjahres waren die Veränderungen unübersehbar. „Vom Gipfelgrat ist ein Großteil der gefestigten Felsen komplett abgebrochen. Allerdings befinden sich in besagtem Abschnitt immer noch sehr viele lose Brocken.“

Gemeinsam mit den Neustifter Bergführern habe man daher beschlossen, keine Kunden mehr auf den bröckelnden Hauptgipfel zu führen. „Die Steinschlaggefahr ist einfach zu groß“, sagt Rettenbacher, der auch Obmann des Tourismusverbandes Stubai Tirol ist.

Nicht der einzige brenzlige Ort für Alpinisten, wie Walter Zörer, Präsident des Verbands der Österreichischen Berg- und Skiführer, weiß. „Aufgrund des Rückgangs der Gletscher und des Permafrosts sind viele Zustiege und Touren nicht mehr so möglich, wie sie es vor 20 Jahren waren.“

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Beispiel Pallavicini-Rinne am Großglockner: Früher ganzjährig begehbar, sei dieser Anstieg zum höchsten Berg Österreichs heutzutage meist nur noch im Winter und da nur an wenigen Tagen begehbar.

Beispiel Wilder Turm in den Stubaier Alpen: Aufgrund des Gletscherrückgangs seien dort einst angebrachte Eisenstufen im Fels heute nicht mehr normal besteigbar, sondern würden sich fünf Meter über dem Alpinisten befinden.

Von sich häufenden Steinschlagereignissen ist naturgemäß auch der Alpenverein betroffen: Hänge brechen ab, Wege werden verschüttet, was zu Umleitungen und teuren Wiederherstellungsarbeiten führt.

Wie sehr sich die Erwärmung noch auf die Alpen auswirken könnte, zeigt eine Untersuchung der Universität Graz: Demnach könnten bis 2030 im Nationalpark Hohe Tauern 23 Prozent der Wege ein hohes Gefahrenpotenzial aufweisen.

Zurück ins Stubaital: Dort will man den Alpinisten das Zuckerhütl natürlich nicht ganz unmöglich machen. „Wir führen jetzt auf den Westgipfel. Der ist ein paar Meter niedriger und somit immer noch 3500 Meter hoch“, informiert Rettenbacher.

🗻 Der neue Anstieg auf das Zuckerhütl

Beschreibung: Zunächst Auffahrt mit der Stubaier Gletscherbahn zum Schaufeljoch, dann Abstieg zum Fernaujoch und weiter über den Grat zum Aperen Pfaff, dort unterhalb nach rechts queren zum Pfaffenjoch (3212 Meter).

Weiter in Richtung Zuckerhütl bis zum Flachteil unter dem Zuckerhütl-Hauptgipfel. Von dort nicht nach links zum Pfaffensattel, sondern nach rechts in Richtung des 3366 Meter hohen Pfaffenkogels, bei diesem links vorbei zum Einstieg der Pfaffenschneid.

Hier steil hinauf mit Steigeisen und Eispickel bis zum kleineren Vorgipfel, nur noch wenige Meter Querung und noch ein kurzer Aufstieg zum Westgipfel des Zuckerhütls auf 3500 Metern. Südseitig gibt es Bohrhaken zum kurzen Hinuntersichern auf das Schneefeld, und dann denselben Weg retour.

Geplant ist zudem, im Herbst auf dem neuen Ziel am Zuckerhütl eine Madonna aufzustellen. „Ein Kreuz passt nicht an diese Stelle, da der Grat zu schmal ist“, so die Begründung von Rettenbacher.

In der Früh gehen. Gefährdete Passagen nicht in der Gruppe, sondern einzeln begehen.
Walter Zörer
, Bergführer

Bergsteiger, die alleine unterwegs sind, sollten den Hauptgipfel aber meiden. Auch Zörer rät zur erhöhten Vorsicht in den Bergen. „In der Früh gehen, wenn gefährdete Passagen noch gefroren sind. Diese nicht in der Gruppe, sondern einzeln begehen. Und sich vor Ort informieren, denn die Angaben in Literatur und Internet stimmen nicht immer.“ Ganz pessimistisch sieht Zörer die jüngsten Entwicklungen aber dennoch nicht: „Klassische Ziele für Alpinisten werden zwar weniger, dafür gibt es z. B. gerade im Glockner-Gebiet viele neue, die von Bergführern erschlossen worden sind.“

Unfälle durch Steinschlag

Innerhalb kürzester Zeit gab es in Österreich heuer im Juli mehrere Unfälle durch Steinschlag

◾ Ein 14-jähriger Bub aus dem Irak ist beim Zustieg zur Eisriesenwelt in der Salzburger Gemeinde Werfen durch Steinschlag getötet worden. Starke Regenfälle waren die Ursache für die Lockerung des Gesteins.

◾ In der steirischen Bärenschützklamm in Pernegg wurden drei Menschen bei einem Felssturz getötet und mehrere verletzt – Geologen ermitteln noch anhand der Abbruchstelle, warum sich der Fels löste.

◾ In der Kärntner Tscheppa­schlucht wurde eine Frau durch herabstürzende Steine verletzt – auch hier löste sich das Gestein nach Regenfällen.

◾ Immer wieder zu Steinschlag kommt es in Tirol auf der Landecker Straße, auch heuer im Mai im hinteren Ötztal, wo ein Felssturz die mehrwöchige Sperre der Straße zwischen Zwieselstein und Untergurgl bis Mitte Juli notwendig gemacht hat. Kleinere Steinschläge gibt es laut Tiroler Landesgeologie – vor allem nach Niederschlägen – an verschiedensten Stellen im ganzen Land immer wieder. Zuletzt stürzte am Mittwochabend ein Felsbrocken auf die Straße im Halltal. Von einem herabstürzenden Felsbrocken wurde eine Lenkerin letztes Jahr Anfang Mai auf einer Landesstraße in Alpbach getroffen – die Frau war sofort tot, ihre Beifahrerin verletzt. Felsteile hatten sich vom Hang gelöst.

◾ Generell kommt es in den Alpen immer wieder zu Unglücken wegen Steinschlägen – so lösten sich im Juli 2019 am Matterhorn Gesteinsmassen, die zwei Bergsteiger in die Tiefe rissen. Der Permafrost, also jener Kitt der Alpen, der die Berge im Innersten zusammenhält, taue in immer höheren Lagen, heißt es seitens Schweizer Geologen. Auf der italienischen Seite des Mont Blanc drohen rund 500.000 Kubikmeter Gletscher­eis ins Tal zu stürzen. Knapp 70 Menschen am Ende des Aostatals wurden in Sicherheit gebracht. (lipi)


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