75 Jahre nach Atombombenabwurf auf Hiroshima: Die ungehörte Mahnung

Die Gefahr eines Nuklearkriegs hat zuletzt eher zu- als abgenommen. 75 Jahre nach dem ersten Abwurf einer Atombombe auf eine Stadt rüsten die Atommächte weiter auf – und neue könnten hinzukommen.

Atompilz über Hiroshima: „Mein Gott, was haben wir getan?“
© AFP/Hiroshima Peace Memorial Museum

Von Floo Weißmann

Hiroshima – Heute ist es genau 75 Jahre her, dass Sadao Yamamoto über seiner Stadt Hiroshima einen Feuerball sah. Dann warf ihn die Druckwelle um, und die Hitze verbrannte seine linke Seite. Yamamoto, damals 14 Jahre alt, hatte Glück. Er überlebte den ersten Abwurf einer Atombombe über einer Stadt und dient heute als Zeitzeuge des nuklearen Schreckens.

„Little Boy“ hatten US-Soldaten die Bombe genannt, die sie 600 Meter über Hiroshima zündeten. Das Hypozentrum, der Ort unterhalb der Detonation, wurde binnen Sekunden zerstört. 70.000 Menschen starben sofort, noch mehr in den folgenden Monaten und Jahren – an den Folgen von Verletzungen und Verstrahlung. Über der Stadt stieg der charakteristische Atompilz auf. „Mein Gott, was haben wir getan?“, notierte der Kopilot Robert Lewis im Logbuch des Bombers „Enola Gay“.

Atombombenabwurf auf Hiroshima

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Atompilz über Hiroshima.

© HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM

Die Besatzung der "Enola Gay": Theodore Van Kirk, Paul Tibbets und Thomas Ferebee nach dem Abwurf der Atombombe.

© HO

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Bis heute streiten Historiker über die Hintergründe. Wollte die damalige US-Führung mit den Atombomben auf Hiroshima und drei Tage später auf Nagasaki tatsächlich den Krieg im Pazifik möglichst rasch (und billig) beenden und damit Menschenleben retten? Oder wollte sie eine neue Waffe ausprobieren und sich in der beginnenden Rivalität mit der Sowjetunion einen Vorteil verschaffen?

Und waren es überhaupt die Atombomben, die Japans bedingungslose Kapitulation erzwungen haben? Oder war Japan ohnehin am Ende und seine Führung über den Kriegseintritt der Sowjetunion viel mehr besorgt als über ihre zerstörten Städte?

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📽️ Video | 75 Jahre Hiroshima: Als die Sonne vom Himmel fiel

Die Debatte kocht zum 75. Jahrestag von Hiroshima wieder hoch – ebenso wie die Appelle und Warnungen, auf Atomwaffen zu verzichten. Doch die Realpolitik bleibt davon weitgehend unbeeindruckt – eher im Gegenteil: Knapp 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs mit seinen irrsinnigen nuklearen Arsenalen sieht es danach aus, dass Atomwaffen am Beginn einer Renaissance stehen.

Japan gedenkt des Atombombenabwurfs

Mit einer Schweigeminute und einem Appell zur Abschaffung aller Atomwaffen haben die Menschen im japanischen Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs vor 75 Jahren gedacht. Bei einer wegen der Corona-Pandemie drastisch verkleinerten Gedenkzeremonie legten die Teilnehmer am Donnerstag um 8.15 Uhr (Ortszeit) zum Klang einer bronzenen Friedensglocke bei sommerlicher Hitze eine Gedenkminute ein.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der US-Bomber Enola Gay damals die erste im Krieg eingesetzte Atombombe mit dem Namen "Little Boy" über der Stadt im Westen des Landes abgeworfen. Schätzungsweise 140.000 Menschen starben, mehr als die Hälfte sofort.

Laut dem Innsbrucker Politikprofessor Gerhard Mangott hängt dies zum einen damit zusammen, dass das System der vertraglichen Rüstungskontrolle, das ab den Siebzigerjahren den Schrecken einhegen sollte, nun zusehends zusammenbricht. Wenn aber die Begrenzung der Atomwaffen wegfällt und der eine nicht mehr genau weiß, was der andere tut, dann droht ein neues Wettrüsten. Das betrifft dann nicht allein die USA und Russland, auch China hat laut Mangott „schon damit begonnen, massiv nuklear aufzurüsten – das heißt, die Zahl der Sprengköpfe und Trägersysteme zu erhöhen“.

Guterres warnt vor neuem atomaren Wettrüsten

UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat zum 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf die japanische Stadt Hiroshima vor einem erneuten atomaren Wettrüsten gewarnt. "Spaltung, Misstrauen und mangelnder Dialog drohen die Welt zu einem ungezügelten strategischen Nuklearwettbewerb zurückzubringen", sagte Guterres am Donnerstag in einer Video-Botschaft anlässlich einer Gedenkzeremonie in Hiroshima.

Er wollte selbst teilnehmen, musste aber wegen der Corona-Pandemie absagen. Das Netz aus Rüstungskontrolle, Transparenz und vertrauensbildenden Instrumenten, das während und in der Folge des Kalten Krieges geschaffen worden sei, "franst aus".

"Staaten, die Atomwaffen besitzen, modernisieren ihre Arsenale und entwickelten neue und gefährliche Waffen und Trägersysteme", sagte er. Das Risiko, dass Atomwaffen absichtlich, versehentlich oder durch Fehleinschätzungen eingesetzt werden, sei "zu hoch", als dass sich solche Trends fortsetzen dürften. "Der einzige Weg, um das nukleare Risiko vollständig zu beseitigen, besteht darin, Atomwaffen vollständig zu eliminieren", erklärte der UN-Generalsekretär weiter.

Zum anderen wachse die Sorge vor einem Atomkrieg auch durch die Entwicklung von so genannten Low-Yield-Nuklearwaffen. Dabei handelt es sich um Atomwaffen mit begrenzter Sprengkraft, die nicht allein der strategischen Abschreckung dienen, sondern womöglich als taktische Waffe in einem an sich konventionellen Krieg zum Einsatz kommen könnten.

Der Innsbrucker Politikprofessor Gerhard Mangott.
© TT/Rehfeld

Konkret gibt es laut Mangott im Westen die Sorge, „dass Russland einen Angriff auf das Baltikum durchführen und (taktische) Nuklearwaffen einsetzen könnte, um eine NATO-Reaktion zu verhindern“. Das Ende des INF-Vertrags (der landgestützte Mittelstreckenwaffen verboten hatte) und die mutmaßliche Stationierung neuer Waffensysteme durch Russland hätten diese Sorge verstärkt.

Mangott selbst bezweifelt zwar, dass es in Russland eine derartige Strategie gibt. Aber auch er hält in der aktuellen Situation nichts von der Idee einer einseitigen Denuklearisierung Europas. „Das würde Europa nicht sicherer, sondern unsicherer machen, weil natürlich überhaupt nicht garantiert ist, dass es einen Folge- oder Lern­ef­fekt bei anderen Akteuren gibt.“ Europa brauche einen nuklearen Schutzschirm. Die Frage sei, ob man sich dabei weiterhin auf die USA verlässt – oder ob etwa die französischen Kernwaffen zu einem EU-Schutzschirm ausgebaut werden.

Zur Aufrüstung der bestehenden Atommächte kommt, dass weitere auf den Plan treten können. Mangott sieht dieses Risiko vor allem in Ostasien: „Je stärker die USA ihre Bündnissolidarität mit Südkorea und Japan relativieren und je unrealistischer es wird, dass Nordkorea sein Nukleararsenal in Verhandlungen aufgeben wird, umso größer werden die Anreize für Südkorea und Japan, eigene Nuklearwaffen zu bauen.“

Der Arbeit von Zeitzeuge Yamamoto und vielen anderen zum Trotz spielen Atomwaffen weiterhin eine zentrale Rolle in der Sicherheitspolitik. Die Geschichte habe „nicht unbedingt gezeigt, dass man aus Hiroshima gelernt hat – jedenfalls nicht positiv in dem Sinn, dass man die Gefahr nuklearer Waffen realistisch einschätzt und sich dieser Waffen entledigt“, bilanziert Mangott. „Aus Hiroshima wurde vielmehr die Lehre gezogen, dass sich alle großen Mächte mit Nuklearwaffen ausstatten müssen.“

Die Geschichte der Kernwaffen

📅 1938

Otto Hahn und Fritz Straßmann entdecken die Kernspaltung: Sie spalten in Berlin erfolgreich ein Uranatom. Es ist der Beginn des Uranprojekts der Nationalsozialisten.

📅 1939

Albert Einstein warnt US-Präsident Franklin D. Roosevelt vor einer deutschen Atombombe. Er drängt Washington, seinerseits Forschungen zu intensivieren.

📅 1942

Die USA starten ein eigenes geheimes Atomwaffenprogramm, das Manhattan-Projekt, unter Führung des Physikers Robert Oppenheimer. Enrico Fermi und andere Wissenschafter lösen an der Universität von Chicago die erste kontrollierte Kettenreaktion aus.

📅 1945

📌 16. Juli - Die USA testen in der Wüste von New Mexiko erstmals eine Atombombe mit dem Codenamen "Trinity".

📌 26. Juli - Nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa fordern die Alliierten Japan in der Erklärung von Potsdam zur sofortigen Kapitulation auf. US-Präsident Harry Truman informiert Sowjet-Diktator Joseph Stalin, dass die US-Streitkräfte über eine Atombombe verfügen.

📌 6. August - Der B-29-Bomber "Enola Gay" wirft eine Atombombe mit dem Namen "Little Boy" über der japanischen Stadt Hiroshima ab. 140.000 Menschen werden getötet. An den Explosionen oder den Spätfolgen der Strahlung sterben insgesamt Hunderttausende Menschen.

📌 9. August - Eine zweite Atombombe mit dem Namen "Fat Man" wird über Nagasaki abgeworfen. 75.000 Menschen kommen ums Leben.

📌 15. August - Der japanische Kaiser Hirohito kapituliert. Der Zweite Weltkrieg endet endgültig.

📅 1946

Die Generalversammlung der frisch gegründeten UNO fordert in ihrer ersten Resolution die Abschaffung aller Atomwaffen und setzt eine eigene Kommission dazu ein.

📅 1949

Erster sowjetischer Atomtest unter dem Codenamen "Erster Blitz" in Semipalatinsk (Kasachstan).

📅 1952

Erster britischer Atomtest auf den Montebello-Inseln westlich von Australien. Die USA testen ihre erste Wasserstoffbombe (H-Bombe) auf den Marshallinseln mit 500-facher Stärke der Atombombe von Nagasaki.

📅 1954

Die USA zünden am Bikini Atoll im Pazifik die H-Bombe "Bravo" mit 17 Megatonnen Sprengkraft und verseuchen ein japanischer Fischerboot sowie die Bewohner des Rongelap- und des Utirik-Atolls.

📅 1955

Wissenschafter um den Physiker Albert Einstein und den Philosophen Bertrand Russell warnen angesichts des Kalten Kriegs in einem Manifest vor Atomwaffen und rufen zur friedlichen Beilegung von Konflikten auf.

📅 1960

Erster Atomtest Frankreichs in der Sahara.

📅 1961

Die Sowjetunion zündet im Nordpolarmeer die stärkste jemals gezündete Bombe, eine H-Bombe mit 58 Megatonnen Sprengkraft (440 Mal so hoch wie die Hiroshima-Bombe).

📅 1962

Die Kuba-Krise um die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in der Türkei und sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba bringt die Welt an den Rand eines Atomkriegs. US-Präsident John F. Kennedy und KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow erzielen einen Deal und alle Raketen werden abgezogen.

📅 1963

Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion einigen sich auf ein Abkommen, das alle oberirdischen Atomversuche untersagt (Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser, auch Moskauer Atomteststoppabkommen oder Limited Test Ban Treaty/LTBT). Später treten auch andere Staaten bei, darunter Indien, Pakistan, nicht aber Frankreich und China.

📅 1964

Erster Atomtest Chinas.

📅 1969

Erstmals Gespräche zwischen USA und der Sowjetunion. In den folgenden Jahrzehnten kommen mehrere Verträge zur atomaren Abrüstung bzw. Beschränkung der atomaren Rüstung zustande, darunter die SALT- und die START-Verträge.

📅 1970

Der Atomwaffensperrvertrag (Non-Proliferation Treaty/NPT) tritt in Kraft: Er sieht auf Betreiben der damaligen Atommächte ein Verbot der Verbreitung und die Verpflichtung zur Abrüstung von Kernwaffen sowie das Recht auf die "friedliche Nutzung" der Kernenergie vor. Zu den wenigen Nicht-Unterzeichnern gehören vornehmlich die späteren Atommächte Indien, Pakistan und Israel sowie Nordkorea, das den Vertrag wieder verließ.

📅 1974

Erster Atomtest Indiens.

📅 1985

Der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (International Physicians for the Prevention of Nuclear War/PPNW) wird mitten im Jahrzehnt der höchsten atomaren Hochrüstung weltweit und der größten und am tiefsten in der Bevölkerung verankerten Gegenbewegung gegen die Aufrüstung der Friedensnobelpreis verliehen.

📅 1986

Es wird öffentlich bekannt, dass Israel wohl Atomwaffen entwickelt hat. US-Präsident Ronald Reagan und Sowjet-Staatschef Michail Gorbatschow diskutieren auf dem Gipfel von Reykjavik ernsthaft die Abschaffung aller Atomwaffen. Es kommt aber nicht dazu: Die britische Premierministerin Margaret Thatcher stoppt Reagan, der zudem nicht wie gefordert auf sein SDI-Programm zur Abwehr von Interkontinentalraketen teils vom Weltraum aus verzichten will.

📅 1991

Südafrika räumt nach Ende der Apartheid sein Atomprogramm ein - darunter mutmaßlich eine Atomexplosion im Indischen Ozean (Vela-Zwischenfall) 1979.

📅 1996

Nachdem im Laufe der Zeit die Antarktis, Lateinamerika und die Karibik sowie Südostasien zu atomwaffenfreien Zonen erklärt wurden, folgt Afrika. Begleitet von einer weltweiten Protestwelle führt Frankreich im Südpazifik seine letzten, unterirdischen Atomtests durch.

Die UNO verabschiedet den Vertrag über ein umfassendes nukleares Testverbot (CTBT). Er verbietet die Durchführung jeder Art von Kernwaffenexplosion, ob für zivile oder für militärische Zwecke und geht damit über die Regeln des LTBT von 1963 hinaus. Das CTBT ist aber nie in Kraft getreten, weil ihm China, Indien, Iran, Israel, Nordkorea, Pakistan und die USA bisher ferngeblieben sind.

Der IGH, das höchste UNO-Gericht, gibt seine Rechtsmeinung zu Atomwaffen ab: Die Bedrohung und der Gebrauch von Atomwaffen sind im Allgemeinen gegen internationales Recht. Ob der Gebrauch von Atomwaffen "unter extremen Umständen der Selbstverteidigung, bei der das Überleben eines Staates auf dem Spiel steht", auch illegal ist, lässt der IGH offen.

📅 1998

Erster Atomtest Pakistans in Reaktion auf weitere Atomtests des Erzfeindes Indien, das wiederum mit einer Bedrohung durch China argumentiert.

📅 2006

Erster Atomtest Nordkoreas.

📅 2015

Nach jahrelangem Konflikt wegen des Verdachts, dass der Iran ein Programm zur Produktion von Atomwaffen betreibt, kommt es zum Wiener Abkommen (Joint Comprehensive Plan of Action/JCPOA) zwischen dem Iran und den fünf UNO-Vetomächten (zugleich Atommächte) USA, Großbritannien, Frankreich, China und Russland sowie Deutschland. Seit dem Ausstieg der USA aus dem Vertrag hängt das Abkommen am seidenen Faden.

📅 2017

Die UNO-Vollversammlung nimmt den stark auch von Österreich forcierten Atomwaffenverbotsvertrag (Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapons/TPNW) an. Er tritt erst in Kraft, wenn er von 50 Staaten unterzeichnet und ratifiziert wurde. Er verbietet Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und Einsatz von Kernwaffen.

📅 2019/20

Der Ausstieg der USA unter Präsident Donald Trump aus dem INF-Vertrag mit Russland zum Verzicht auf landgestützte atomare Mittelstreckenwaffen und "Open Skies" zu gegenseitig erlaubten Aufklärungsflügen sowie die allgemein schlechten und von gegenseitigen Vorwürfen geprägten Beziehungen Washington-Moskau schüren Sorgen über ein neues Wettrüsten wie im Kalten Krieg. Hinzu kommt der auch im militärischen Bereich stattfindende Aufstieg Chinas und die gestörten Beziehungen Washington-Peking.


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