Neuer Roman von Ilija Trojanow: Erschreckende Fakten im Mäntelchen der Fiktion

In seinem neuen Roman „Doppelte Spur“ untersucht Ilija Trojanow die Mechaniken der Macht zwischen Washington und Moskau.

Österreichpremiere: Ilija Trojanow präsentiert seinen neuen Roman am 1. September in Innsbruck.
© Julia Hammerle

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Ilija Trojanows neuer Roman „Doppelte Spur“ endet mit dem Erscheinen des Buches „Doppelte Spur“ – und dem Verschwinden eines Autors, der Ilija Trojanow heißt. Der musste untertauchen, weil ihm das, was er in „Doppelte Spur“ zusammengetragen hat, gefährlich geworden ist. So gefährlich, dass seine Wiener Wohnungstür von Geheimdienstlern aufgebrochen wurde.

Solche Selbstinszenierungen von Autorenschaft könnte man schnell als autofiktionales Mätzchen abtun: Ein Schriftsteller schickt sein papierenes Alter Ego auf Abwege. Thomas Glavinic lässt grüßen – und Karl Ove Knausgård geht aufs Klo.

Doch im Fall von „Doppelte Spur“, dem Roman, nicht dem Buch im Buch, ist die Sache anders. Es gibt kein dreiviertelwitziges Spiel mit Person und Persona, kein Spiegelflechten. Dafür ist die Sache zu ernst. „Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich“, schickt Trojanow voraus. Und man ist geneigt, ihm Glauben zu schenken. Vieles, was er für sein Buch zusammengetragen hat, ist tatsächlich nur einige Klicks entfernt. Anderes mag Spekulation sein, wenn sich etwa der russische und der US-amerikanische Machthaber zum Hinterzimmergespräch treffen, ist aber nicht weniger plausibel. Das ist letztlich das zentrale Thema dieses eigentümlich beklemmenden Buches: Es geht um eine unüberschaubare Vielzahl zweifelsfrei beglaubigter Fakten – und darum, wie man aus diesem weit verstreuten Wissen eine zusammenhängende Erzählung formt. Oder anders: Es sind keine Verschwörungserzählungen, die Trojanow ausgestaltet, er rekonstruiert echte Verstrickungen – und macht dadurch die Mechanik der Macht sichtbar. Mit Raoul Schrott könnte man von „kumulativer Evidenz“ sprechen – oder man zitiert gleich Sherlock Holmes: „Schließt man Unmögliches aus, ist das, was bleibt, wenn auch noch so unwahrscheinlich, die Wahrheit.“

Aber, der Reihe nach: Eines Tages erhält der fiktive Trojanow, ein Investigativ-Journalist, gleich zwei Materialsammlungen zugespielt. Eine aus den USA, die andere aus Russland. Vieles ist ungeordnet. Manches liegt Jahrzehnte zurück. Im Mittelpunkt stehen zwei Männer. Aber auch die Strukturen, die sie gemacht und die sie sich zu Nutze gemacht haben. Den einen nennt Trojanow „schiefen Turm“. Gemeint ist Donald Trump. Den anderen Mikhail Iwanowitsch – ein Nom de Plume, den Wladimir Putin schon in KGB-Zeiten führte. An beiden zeichnet Trojanow die mafiösen Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Nachrichtendiensten nach. Bisweilen ist das, was da vorgeführt und nachvollzogen wird, erschreckend, gerade weil es herausfordernd unversteckt passiert. Es reicht ein Blick auf die Liste der Bewohner des New Yorker Trump-Towers: russische Oligarchen, Auftragsmörder und einstige Diktatoren, Immobilienhaie, Kunstsammler, Hehler und Geldverschieber, verurteilte Betrüger und Fußballfunktionäre unter Hausarrest.

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Um dieses Gestrüpp aus Korruption, Abhängigkeiten und grundsätzlicher Gewaltbereitschaft, um viele Wers und Wos und Warums, gruppiert Trojanow weitere Handlungsfäden. Es gibt einen Hauch von Love-Story, etwas Mord und Kolportage. Wirklich ins Gewicht fällt das alles aber nicht. Es geht um die Machenschaften der Mächtigen, um Käuflichkeit, Korruption und himmelschreiende Dummheit.

Sicherheitshalber hat Trojanow das, was er zusammengetragen hat, als Roman ausgewiesen. Fakten wirken weniger gefährlich, wenn sie sich mit Fiktion ummanteln. In ihrer Wucht abgefedert werden sie dadurch nicht. Im Gegenteil. „Doppelte Spur“ ist eine beklemmende Lektüre. Und trotzdem eine seltsam befreiende Erfahrung: Das, was man irgendwie immer schon geahnt hat, könnte wahr sein. Wenn man „Doppelte Spur“ nach gut 240 Seiten aus der Hand legt, ist man ernüchtert und berauscht zugleich. Vielleicht sollte man auch empört sein. Oder wenigstens besorgt. Um die Welt und die Wahrheit. Und ein bisschen wohl auch um den Autor.

Am 1. September präsentiert Ilija Trojanow „Doppelte Spur“ in der Innsbrucker Wagner’schen.

Roman Ilija Trojanow: Doppelte Spur. S. Fischer, 239 Seiten, 22,70 Euro.


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