"Guest of Honour" im Kino: Trauerrede über einen einsamen Gast

In „Guest of Honour“ leuchtet Regisseur Atom Egoyan jeden Winkel eines Familiendramas aus.

Jetzt kann es gleich richtig unangenehm werden. Lebensmittelinspektor Jim (David Thewlis) gibt sich per Ausweis zu erkennen.
© Filmladen

Innsbruck – Gesundheitsinspektor Jim (grandios gespielt von David Thewlis) ist ein mächtiger Mann. Er kann mit seinem Verdikt Restaurants schließen und Existenzen zerstören. Jim ist der Typ Mensch, dem man beruflich lieber nicht begegnet. Er hat einmal selbst ein Restaurant geführt, und so fällt es ihm nicht schwer, ganz wörtlich, in jeder Suppe ein Haar zu finden. Bei einer Feier in einem armenischen Lokal wird der gestrenge Kontrollor mit Wein abgefüllt und zum „Guest of Honour“ („Ehrengast“) ernannt. Es ist der titelgebende Moment im neuen Film des kanadischen Regisseurs Atom Egoyan.

Jim ist im Job ein Hardliner und hinter seiner Fassade ein tieftrauriger Mensch. Die geliebte Frau ist tot, allein sitzt er daheim, in Gedanken versunken, das Glas in der Hand, Kaninchen Benjamin, das seiner erwachsenen Tochter Veronica (eher leichtgewichtig in dieser Rolle: Laysla De Oliveira) gehört, auf dem Schoß. Veronica, eine Musiklehrerin, kann sich um das Tier nicht kümmern. Sie verbüßt eine Haftstrafe.

📽️ Video | Der offizielle Trailer

Das Drama der Familie wird Mosaik für Mosaik offengelegt, als Jim stirbt und Veronica, inzwischen aus dem Gefängnis entlassen, mit Priester Greg (Luke Wilson) die Trauerfeier bespricht. De mortuis nihil nisi bene – auch Jim gibt es viel Positives nachzurufen, eine mutmaßliche Affäre mit Veronicas Musiklehrerin fällt nicht in diese Kategorie.

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In Rückblenden erschließt sich langsam der Grund, warum Veronica freiwillig einsaß, verurteilt für eine sexuelle Belästigung von Schülern, die nachweislich nie stattfand. Doch Veronica fühlte sich mitschuldig am Tod von jemandem, dem sie einst nahestand. Schuld und Sühne.

Es ist ein verästeltes, anfangs unübersichtliches Beziehungsgeflecht, das Regisseur Egoyan dem Betrachter da zumutet. Die handwerklichen Hinweise und Andeutungen verlangen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Schräger Humor lockert an unerwarteter Stelle auf.

David Thewlis (der Remus Lupin aus den Harry-Potter-Verfilmungen) spielt als Jim in einer eigenen, sehenswerten Liga. (mark)


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