„Stolpersteine für Tirol“: Initiative will NS-Opfer in ganz Tirol sichtbar machen

Die neue Bewegung „Stolpersteine für Tirol“ möchte das internationale Gedenkprojekt im Land forcieren. Doch Innsbruck geht einen anderen Weg.

Kulturreferent Lukas Schmied (Wattens), GR Annelies Brugger (Zell), Harald Büchele und Walter Plasil setzen sich für „Stolpersteine“ ein.
© Büchele

Von Michael Domanig

Innsbruck, Wattens – Rund 75.000 in den Boden verlegte „Stolpersteine“ in über 25 Ländern erinnern an Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet, verfolgt oder vertrieben wurden – meist an ihren letzten freiwilligen Wohnorten oder Arbeitsstätten. Beim Projekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig handelt es sich um das größte dezentrale Mahnmal weltweit. In Tirol kam das Projekt erst spät an: 2019 wurde auf Initiative von Gemeinderätin Annelies Brugger in Zell am Ziller der erste Stolperstein im Land verlegt, seit Mitte Juli rufen in Wattens sieben der kleinen Gedenktafeln lokale NS-Opfer in Erinnerung (die TT berichtete).

Geht es nach Harald Büchele, soll das erst der Anfang sein: Gemeinsam mit engagierten Mitstreitern wie Arnulf Benzer will der Innsbrucker Mediziner in Ruhestand dafür kämpfen, dass möglichst viele andere Gemeinden dem Beispiel von Zell und Wattens folgen – und hat dafür die Initiative „Stolpersteine für Tirol“ ins Leben gerufen. Er verstehe die Gedenktafeln als „wirklichkeitsnahe Erinnerung an das, was passiert ist“ – und zugleich als Warnung an die Bürger von heute, „so etwas nie wieder zuzulassen“.

Besonders wichtig wäre Büchele, dass auch die Landeshauptstadt Innsbruck mit Stolpersteinen ein Zeichen setzt. Das Thema berühr­e ihn u. a. auch persönlich, weil er am Haydnplatz 8 in Innsbruck wohne: Dort lebte einst der jüdische Innsbrucker Alfred Graubart, der beim November­pogrom 1938 von SA-Männern brutal niedergeschlagen wurde – sein Bruder Richard wurde ermordet.

Dass sich die Stadt gegen Stolpersteine ausspricht – während es etwa in Salzburg schon über 440 Steine gibt –, ist für Büchele völlig unverständlich. Er sehe keinen Widerspruch zwischen Stolpersteinen und anderen, zusätzlichen Erinnerungsformen, im Gegenteil. Gemeinsam mit anderen Pensionisten sei er auch gerne bereit, die Steine zu reinigen.

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Vize-BM Uschi Schwarzl (Grüne) erklärt, dass man nach einem Antrag der SPÖ Fachmeinungen zu den Stolpersteinen bei Zeithistorikern und der Israelitischen Kultusgemeinde eingeholt habe. Man sei zum Schluss gekommen, dass Stolperstein­e „nicht mehr das sind, was wir als zeitgemäß ansehen“. Statt dieser „statischen Form“ des Gedenkens wähle man in Innsbruck lieber einen Ansatz, bei dem „immer wieder andere und kreative Formen“ gefunden und die Erinnerung so „stets aufs Neue wachgehalten“ werde. Schwarzl verweist auf die neue Reihe „gedenk_potenziale“, bei der innovativ­e Projekte gesucht werden. Der Fördertopf ist mit 20.000 Euro dotiert (Details: www. gedenkpotenziale.at). Eine „Vielfalt an Wegen“ sei doch gut, schließt Schwarzl.

Günter Lieder, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, betont auf TT-Anfrage jedoch, dass er es „wunderbar“ und „an der Zeit“ fände, auch in Innsbruck Steine zu verlegen – wobei ihm der Name „Erinnerungssteine“ besser gefalle. Ehrenpräsidentin Esther Fritsch habe Bedenken bezüglich der Symbolik geäußert, „weil die Leute hinauftreten“, doch diese Sorge teile er nicht. Er habe beobachtet, dass die Menschen respektvoll damit umgingen und die Stein­e überall gepflegt würden.

Von Innsbruck-Besuchern werde er immer wieder gefragt, „warum es so etwas hier nicht gibt“, ergänzt Lieder. Auch er plädiert klar für ein „Sowohl-als-auch“ verschiedener Erinnerungsformen.


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