Corona leert Geschäftslokale: Krise nagt am Stadtbild

Die Corona-Krise wird für Leerstände sorgen. Davon geht die Immobilienbranche aus. Innsbruck sieht in der Krise eine Chance zur Neupositionierung. Kufstein freut sich über volle Lokale und fürchtet den Herbst.

Eine Neupositionierung wird in Innsbruck erarbeitet.
© Rudy De Moor

Von Anita Heubacher

Innsbruck – In der Innsbrucker Altstadt haben 20 Geschäfte ihre Schotten dicht gemacht. Der Lockdown, die ausbleibenden Touristen und die Baustellensituation hätten zu einer Marktbereinigung geführt, meint Bernhard Vettorazzi, Geschäftsführer des Stadtmarketings. Bei fünf der gezählten leeren Lokale hätten sich bereits Nachmieter gefunden. Aber für nächstes Jahr fürchtet er eine „dynamische Entwicklung“. Es werde wohl alternative Konzepte zur hohen Zahl an Verkaufsflächen brauchen, glaubt er.

Der Innsbrucker Altstadt haben Corona und die Baustelle zugesetzt.
© Rudy De Moor

„Wir müssen uns genau überlegen, welchen Branchenmix es in der Altstadt braucht, um sie attraktiv zu halten“, sagt Vettorazzi. Er erlebt die Situation jetzt wie „eine Renaissance der Einheimischen“. Tatsächlich ist in Innsbruck zurzeit viel los. Wie berichtet, können sich die Gastronomen über ein gut funktionierendes Geschäft freuen. Viele Einheimische sind unterwegs und zumeist österreichische Urlauber sorgen für Betrieb.

„Innenstädte müssen sich neu erfinden“, ist Vettorazzi überzeugt. Öffentlicher Raum werde wichtiger und seit der Corona-Krise intensiver genutzt. Die Aufenthaltsqualität müsse steigen. Leerstände gilt es zu vermeiden. „Innsbruck hat derzeit eine geringe Leerstandsquote von drei Prozent.“

Über leere Lokale kann Kufsteins Bürgermeister, Martin Krumschnabel, derzeit nicht klagen. In der Stadt sei so viel los, dass es den Ängstlichen schon zu viel werde. Die Stadt hat sich viel überlegt, um die Kufsteiner ins Zentrum zu locken. Veranstaltungen, Gewinnspiele, um „den Grundfrust, nicht einkaufen zu wollen“, wie es Krumschnabel nennt, zu vertreiben.

Manche Lokale in Innsbruck haben nach dem Lockdown bis jetzt nicht mehr aufgemacht und warten ab.
© Foto TT/Rudy De Moor

Im Herbst sieht der Bürgermeister Schatten am Horizont. Probleme ortet er im Textilhandel. „Hilferuf hat uns noch keiner ereilt.“ Aufgelassene Geschäfte gebe es in Kufstein laut Wirtschaftskammer noch keine. Lange dürfe die Krise allerdings nicht mehr andauern.

„Nach dem Winter wird man die Situation neu bewerten müssen, weil die Förderungen auslaufen“, sagt Arno Wimmer, stellvertretender Obmann der Immobilienbranche in der Wirtschaftskammer. Man werde sehen, wie sich die Nachfrage entwickelt, wem mit Stundungen und Förderungen tatsächlich geholfen worden sei. Und man werde sehen, wie viele Menschen noch einen Job hätten. Das alles wirkt sich unmittelbar auf die Immobilienbranche aus. Wimmer rechnet mit leer stehenden Gastronomiebetrieben, Hotels oder Handelsfirmen. Bei den Büroflächen rechnet er, dass sie vor allem in Altbeständen weniger werden. Repräsentative Standorte würden sicher erhalten bleiben. Aber in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werde alles auf die Waagschale geworfen. Größe der Büros, Kosten für Parkplätze und als neue Überlegung Home-Office. „Wenn man Schreibtische teilt, weil nicht immer alle gleichzeitig im Büro sind, braucht es weniger große Räumlichkeiten.“

© Rudy De Moor

Die Corona-Krise nagt am Stadtbild. So viel ist sicher. Das ist kein Tiroler Spezifikum. In München gab es früher lange Wartelisten von potenziellen Mietern für die Top-Lagen, heute steht kein einziger Bewerber auf der Liste. Eine Pleitewelle mit 50.000 Geschäften in deutschen Städten fürchtet der Handelsverband Deutschland. Für Unruhe sorgen die Schließungspläne von Galeria Karstadt Kaufhof sowie anderen Handels- und Modeketten. Dressmann hat eine Millionenpleite hingelegt und schließt in Österreich alle Filialen. Betroffen ist auch der Standort in Innsbruck.

Büros anders denken, Aufenthaltsqualität erhöhen

Innsbruck – „Wir haben in der Corona-Zeit gesehen, was im Home-Office alles möglich ist und was nicht“, meint Harald Gohm, geschäftsführender Gesellschafter von Prisma, Zentrum für Standort- und Regionalentwicklung GmbH, mit Sitz in Innsbruck. Er glaubt, dass die Corona-Kris­e Büroräumlichkeiten ganz und gar nicht obsolet macht. Nur anders gedacht müssten Büros werden. Gohm war lange der Direktor der landes­eigenen Standortagentur, bevor er vor drei Jahren in die Privatwirtschaft wechselte.

Corona habe die Anforderungen an Büros verändert. „Es braucht auf jeden Fall größere Räume, keine Legebatterien.“ Der Mensch sei ein soziales Wesen, das den Austausch brauche. „Vom Esstisch aus zu arbeiten, funktioniert nur vorübergehend.“ Auch Gohm rechnet damit, dass es zu leer stehenden Büros in Altbeständen kommen wird. „Die alten Büroräumlichkeiten passen nicht mehr. Das kann für Städte eine große Herausforderung sein.“ Leerstände sind Gift für eine Stadt. Schon vor Corona hatten Tirols Bezirksstädte teils mit sterbenden Ortskernen zu kämpfen. „Die Innenstädte müssen bespielt und die Aufenthaltsqualität erhöht werden.“ Einfach sei das nicht, meint Gohm, der gerade in Telfs an einem Projekt zur Belebung des Ortskerns arbeitet.

„In einer Stadt muss die Durchmischung passen, so wie wir es in alten italienischen Städten sehen.“ Italienische Städte sind so etwas wie der Prototyp einer funktionierenden Stadt: vom Büro zum Espresso an die Bar, Leute treffen, arbeiten, kurz was einkaufen, heimfahren. Auch das habe Corona gezeigt: „Der Bedarf an öffentlichem Raum ist gestiegen.“


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