Melisa Erkurt ist die laute Stimme für die oftmals nicht Gehörten

Die Journalistin Melisa Erkurt legt ihren Finger in die vielen offenen Wunden des österreichischen Bildungssystems.

An die Kinder in Deutschförderklassen wurden auch im Corona-Frühling sehr hohe Ansprüche gestellt.
© APA

Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Melisa Erkurt nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Nicht auf Twitter, nicht in ihren Kolumnen im Falter und bei der taz, nicht im persönlichen Gespräch. Die 1991 in Sarajevo geborene Journalistin und Lehrerin formuliert und argumentiert präzise, jeder Satz ein Treffer. Sie brennt für das Thema Bildung und Schule und berichtet schonungslos aus dem Schulalltag von Kindern, die es durch ihren Migrationshintergrund schwerer haben als autochthone Österreicher. 2016 wurde ihr Artikel „Generation Haram“, erschienen im Magazin biber, bei den Österreichischen Journalismustagen als Story des Jahres ausgezeichnet. Am 17. August erscheint unter demselben Titel Erkurts erstes Buch, gewidmet den „Verlierern des Bildungssystems“.

Auf 192 sehr persönlichen Seiten schildert Erkurt, woran es in den österreichischen Schulen ihrer Meinung nach krankt: Familie und soziales Umfeld seien nach wie vor bestimmend für die Zukunft der Kinder. In den Schulen werde nicht genug dafür getan, dass alle die gleichen Chancen bekommen. Ihre Forderung: Nicht die Kinder, die ohne Sprache und Selbstwertgefühl durch ihre Schullaufbahn gehen, müssen sich ändern, sondern das System Schule. Sonst produzieren die Bildungsanstalten vom Boden- bis zum Neusiedlersee weiterhin massenhaft Schulabgänger, die nicht ausreichend Deutsch sprechen und denen der Bildungsaufstieg verwehrt bleibt.

© Zsolnay

Zwei Jahre war Erkurt selbst mit dem biber-Schulprojekt „Newcomer“ an Wiener Brennpunktschulen unterwegs, die studierte Germanistin unterrichtete auch Deutsch an einem Wiener Gymnasium. Die Entscheidung für den Journalismus (Erkurt ist seit September 2019 Redakteurin beim ORF-Politikmagazin „Report“) und gegen den Job im Klassenzimmer ist der Wienerin mit bosnischen Wurzeln nicht leichtgefallen: „Ich alleine als einzelne Lehrerin kann aber – im gegenwärtigen Schulsystem und unter den jetzigen Umständen – nicht viel ändern“, sagt Erkurt im TT-Gespräch.

Melisa Erkurt unterrichtete an einer Wiener AHS.
© Pilipovic

Als Journalistin mit Migrationshintergrund könne sie hingegen einen anderen Zugang zu Bildungsthemen einbringen und dadurch einen weitreichenden Beitrag zur Debatte leisten. Als „Bildungsaktivistin“ sieht sie sich dadurch aber nicht, vielmehr als jemand, der die Dinge beim Namen nennt: „Ich denke, es ist die Pflicht von Journalistinnen, auf Probleme von marginalisierten Gruppen hinzuweisen. In der Bildungspolitik gab es in den letzten Jahrzehnten ein großes Versagen, vieles wurde unter den Tisch gekehrt“, so Erkurts Analyse.

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Sie plädiert – auch unter dem Eindruck, für ihre migrantischen Schüler ein Role Model gewesen zu sein – für mehr Diversität in den österreichischen Lehrerzimmern. Es sollten gezielt Migrantinnen und Migranten für den Lehrberuf angeworben werden, alle Lehrpersonen für Diskriminierung sensibilisiert werden und viel mehr Sozialarbeiter und Psychologen zum Einsatz kommen. Forderungen, die nicht neu sind in der Bildungsdebatte, ebenso wenig wie Erkurts Forderung nach einer verpflichtenden, kostenlosen Ganztagsschule. Diese ist im Idealfall so gut ausgestattet, dass dort nicht nur Kindern aus einem bildungsfernen Umfeld Chancengerechtigkeit ermöglicht wird, sondern auch „Bobo-Eltern“ ihre Kinder automatisch hinschicken. Außerdem solle der Deutschunterricht neu konzipiert werden (ein eigenes Fach Literatur) und eine Migrantenquote in Bereichen, in denen sie stark unterrepräsentiert sind, eingeführt werden. Das schaffe Motivation dafür, dass der Aufstieg gelingen kann. So wie bei Melisa Erkurt, die als Flüchtlingskind nach Österreich gekommen ist und heute mit selbstbewusster Stimme spricht.


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