24-Jähriger in Beirut: „Ich säubere die Straßen und verteile Essen“

Die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft gibt Hoffnung in einer hoffnungslosen Zeit, sagt der Libanese Tarek Nassif. Die Bevölkerung fordert, dass die Regierung Verantwortung für die Explosion übernimmt.

Tarek Nassif hat die Explosion in der Wohnung seiner Eltern miterlebt. Jede Hilfe wird in Beirut dringend benötigt.
© privat

Tote, Verletzte, Bilder der Verwüstung. Beiru­t braucht dringend die Unterstützung des Auslands. Ist die Hilfe so gut angelaufen, wie es heißt?

Tarek Nassif: Viele Staaten haben sich beeilt, Hilfe für die betroffenen Menschen zu schicken. Alle paar Stunden landen Flugzeuge mit Hilfsgütern und Freiwilligen. Es gibt Hoffnung inmitten dieser hoffnungslosen Zeit, dass die internationale Staatengemeinschaft uns so zur Seite steht. Jede Hilfe wird dringend benötigt.

Wie steht es um die medizinische Versorgung?

Nassif: Diese zerstörerische Explosion ereignete sich in einer sonst schon sehr schwierigen Zeit, denn im Libanon verzeichnen wir gerade steigende Corona-Fallzahle­n. Krankenhäuser sind also schon deshalb belegt und man muss ununterbrochen Patienten wegen Überfüllung verlegen.

Zur Person

Tarek Nassif: Der 24-jährige Libanese, der mit dem Tiroler Michael Schmidt befreundet ist, studiert in Toronto (Kanada) Wirtschaft und Politikwissenschaften.

Videos und Bilder zeigen, dass jeder, der kann, in Beirut mit anpackt.

Nassif: Ja, die meisten Einwohner von Beirut säubern die Straßen, was eigentlich die Aufgabe der Regierung sein sollte. Überall liegen Unmengen von geborstenem Glas und Schutt. Man sammelt für Familien Essen und Hygieneprodukte und öffnet für alle die Türen, die kein Zuhause mehr haben. Ich selber leiste auch Freiwilligenarbeit, säubere die Straßen und verteile Essen.

Wie weit reichen die Verwüstungen? Sie habe­n die Explosion ja live in der Wohnung Ihrer Eltern miterlebt.

Nassif: Alle Gebäude in einem Radius von mehreren Kilometern haben schwere Schäden. Wohnungen, Restaurants, Geschäftsräume, viele sind total zerstört. Es ist ein Bild wie in einem dieser apokalyptischen Filme. Ich bin extrem dankbar, dass meine Familie und unsere Wohnung verschont blieben. Eine Cousine, ihr Mann und ihr Kind, deren Appartement nah am Hafen liegt, sind schwer verletzt. Gott sei Dank sind sie auf dem Weg der Besserung.

Für das Unglück wird die Regierung verantwortlich gemacht, den Politikern wird Korruption und Vetternwirtschaft vorgeworfen.

Nassif: Im Oktober 2019 begannen heftige Antiregierungsproteste, die sich über Monate hingezogen und nur durch die Corona-Epidemie an Fahrt verloren haben. Die Explosion hat wieder deutlich gemacht, dass die Regierung vor allem die Augen verschließt, und wir sehen, dass wir wieder kämpfen müssen. Es herrscht in der Bevölkerung eine Atmosphäre der Wut und wir fordern, dass die Regierung die Verantwortung für das Geschehene übernimmt.

Glauben Sie, dass es zu Rücktritten kommt?

Nassif: Mit einen kompletten Wechsel an der Macht müsste ein Rücktritt jedes einzelnen Politikers mit einhergehen, der irgendwie mit dem politischen System zu tun hat, das seit 30 Jahren das Sagen hat. Diese Regierung sieht sich aber in keinster Weise an dem Unglück schuldig und hat nicht vor, zurückzutreten. Der Libanon ist hungrig nach einer politischen Reform, aber sie muss vom Volk ausgehen. Die Revolutio­n, für die die Libanesen protestiert haben, ist eine kraftvolle Idee. Zu einer politischen Umsetzung ist es aber leider noch nicht gekommen.

Das Gespräch führte Brigitte Warenski


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