Die Erdbeben im Tiroler Oberland waren Jahrhundertereignis

Zwei ungewöhnlich starke Erdbeben erschütterten Samstagabend und Sonntagfrüh das Oberland – laut Experten ein Jahrhundertereignis. Gröbere Schäden gab es jedoch keine.

1300 Rückmeldungen aus der Bevölkerung gingen beim Erdbebendienst der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) ein. Im Laufe des heutigen Tages sollen sie ausgewertet werden.
© Thomas Böhm/TT

Von Benedikt Mair

Landeck, Jerzens, Zams, Innsbruck – Dumpfes Grollen, ein lauter Knall, tiefes Rauschen, der Boden erzittert, vier, fünf, sechs Sekunden lang. „So etwas habe ich noch nie erlebt, wusste es anfangs nicht einzuordnen“, sagt der Bürgermeister von Zams, Siegmund Geiger. „Es hätte auch ein Felssturz sein können. Oder ein schwerer Unfall. Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es ein Beben sein muss.“

Samstagabend, 21.45 Uhr. Ein außergewöhnlich starker Erdstoß mit einer Magnitude von 4,1 erschüttert den Raum Landeck. Zu spüren war er in einem Umkreis von 50 Kilometern, in weiten Teilen des Oberlandes, sogar bis in die Schweiz. Wenige Stunden später, Sonntagfrüh um 2.50 Uhr, kam es zu einem ebenfalls gut wahrnehmbaren Nachbeben der Stärke 3,5 und im Laufe der Nacht immer wieder zu kleineren Erschütterungen. Verletzt wurde niemand, auch liegen keine Berichte über größere Schäden vor.

„Erdbeben dieser Stärke hat es im Tiroler Oberland schon länger nicht mehr gegeben.“Stefan Weginger
 (ZAMG-Seismologe)
© Privat

„Das erste, stärkere Beben ereignete sich etwas tiefer als normal, etwa zehn Kilometer unterhalb der Erdoberfläche“, sagt Stefan Weginger vom Erdbebendienst der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien. „Deshalb waren auch keine Schäden zu erwarten. Es kann auch jetzt noch zu kleineren Nachbeben kommen, die aber eher nur mess- und nicht spürbar sein dürften.“

Im internationalen Vergleich sei das Beben nicht sonderlich stark gewesen, für österreichische Verhältnisse allerdings schon, meint der Seismologe. Und in dem Gebiet rund um Landeck sei es gar ein Jahrhundertereignis. „Die Gegend im Inntal, Wipptal, Stubaital gehört bundesweit zu den erdbebenreichsten Regionen.“ Alle paar Jahre könne es dort zu Erschütterungen dieses Ausmaßes kommen, erklärt Weginger. Nicht so im Westen des Landes. „Erdbeben dieser Stärke hat es im Tiroler Oberland schon länger nicht mehr gegeben.“ Laut Archiven des Erdbebendienstes sogar seit über 100 Jahren nicht mehr. „In Nassereith gab es im Jahr 1910 einen Erdstoß, der sogar stärker war als die Beben am Samstag und Sonntag.“ Im Oberen Gericht spürbar sei auch ein sehr starkes Beben im Außerfern, mit Epizentrum in Namlos gewesen, das sich im Jahr 1930 ereignete.

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„Zu meiner Frau hab’ ich gleich gesagt, dass das ein Erdbeben war“, erinnert sich Karl Raich, Bürgermeister von Jerzens im Pitztal, an die Ereignisse vom Samstagabend. „Es war hörbar, ein kräftiges Rumpeln, gefühlt fünf bis zehn Sekunden lang.“ An Berichte, wonach im Ort Menschen angsterfüllt aus ihren Häusern auf die Straße rannten, sei laut Raich allerdings „nichts dran. Das sind unwahre Gerüchte.“ Sonntagvormittag, nach der Messe, sei das Beben aber sehr wohl Gesprächsthema Nummer eins gewesen. „Der übliche Dorftratsch eben.“

In Zams hat ein besorgter Einwohner kurz nach der Erschütterung einen Notruf abgesetzt, weil er glaubte, eine Explosion in einem Haus gehört zu haben. Ein angelaufener Feuerwehreinsatz konnte dann allerdings abgebrochen werden. An eine Detonation dachte der Zammer Bürgermeister Siegmund Geiger nicht, „aber es war schon sehr heftig. Wenn Häuser wackeln, die Gläser klirren, dann hältst du schon mal die Luft an. Die Leute waren auch total verunsichert, befürchteten, dass das am Samstagabend nur ein Vorbeben war. Inzwischen sind sie entspannter“, meinte Geiger gestern Nachmittag gegenüber der TT. „Gott sei Dank gab es in unserer Gemeinde keine Schäden.“ Aus anderen Orten in der Region sei ihm auch nichts Gröberes bekannt, lediglich „ein paar Gebäude, bei denen der Putz runtergebröckelt ist“.

1300 Menschen haben sich Samstagabend beziehungsweise Sonntagfrüh beim Erdbebendienst der ZAMG gemeldet, sagt Stefan Weginger. „Das ist schon ziemlich viel. Bei spürbaren Beben sind es für gewöhnlich mehrere hundert.“ Im Laufe des heutigen Tages sollen die Berichte laut dem Seismologen ausgewertet werden. „Das wahre Ausmaß können wir erst dann erfassen.“


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