KSV sieht Pleitewelle ab 2021: „Auch größere Firmen wird es in Tirol treffen“

Tirols KSV-Chef Klaus Schaller kritisiert den Insolvenz-Aufschub durch die Corona-Maßnahmen der Regierung und warnt vor einem Bumerang.

Der Kreditschutzverband rechnet statt im Herbst nun im nächsten Frühjahr mit einer Pleitewelle.
© Erwin Wodicka

Von Max Strozzi

Innsbruck – Weltweit staatliche Brachialmaßnahmen aus Panik vor dem Coronavirus haben bereits tiefe Spuren in Wirtschaft und der Gesellschaft hinterlassen. In Österreich sind mehr als 430.000 Menschen arbeitslos, dazu kommen weitere 450.000 in Kurzarbeit. Unlängst kündigte der Stahlkonzern voest­alpine den Abbau von 550 Mitarbeitern an, bei ATB in Spielberg trifft es 400 Jobs, dazu Hunderte Beschäftigte bei der AUA, 200 Mitarbeiter bei der IAG-Tochterairline Level Europe, und hinzu kommen diverse „kleinere“ Pleiten von der Sport­ernährung Mitteregger bis zur Grazer Traditionsbäckerei Hubert Auer. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Die Regierung sah sich gezwungen, die Corona-Kurzarbeit bis März 2021 zu verlängern, weil andernfalls die Arbeitslosenzahlen im Herbst wohl explodiert wären.

Dabei ist die – zunächst für Herbst befürchtete – Pleitewelle noch gar nicht angerollt. Der Tiroler Gläubigerschützer Klaus Schaller vom Kreditschutzverband (KSV) erwartet nun, dass sich die Pleitewelle auf das Frühjahr 2021 verschieben wird. Grund dafür sei, dass Unternehmen Corona-bedingt gestundete Sozialversicherungsbeiträge erst im Jänner zahlen müssen bzw. es die Möglichkeit gibt, ausstehende Beiträge bis Ende 2021 in Raten zu zahlen. Damit werde die Gesundheitskasse im Herbst faktisch keine Insolvenzanträge stellen. „Einen markanten Anstieg der Insolvenzen erwarte ich daher erst ab dem Frühjahr 2021“, meint Schaller.

Jetzt hätte man vielleicht Reserven, um eine Sanierung anzustoßen. Nächstes Jahr womöglich nicht mehr.
Klaus Schaller (KSV)

Dann könnte es allerdings ordentlich zur Sache gehen. „Ich gehe davon aus, dass es auch größere Unternehmen in Tirol treffen wird“, sagt Schaller. Seit seinem Antritt als Tirols KSV-Chef im Jahr 2014 habe es in Tirol keine richtig große Insolvenz gegeben. Das dürfte sich im kommenden Jahr nun ändern.

Wie viele andere Gläubigerschützer sieht auch Schaller die seit dem Frühjahr geltenden Einschränkungen der Antragspflichten für Insolvenzen sehr kritisch. Denn durch den Insolvenzstopp würden Unternehmen, die schon vor Corona angeschlagen und damit konkursreif oder sanierungsbedürftig waren, künstlich am Leben erhalten. Dabei wäre die Stimmung, eine Entschuldung zu erreichen, derzeit so günstig wie nie. Denn viele Gläubiger hätten derzeit großes Verständnis für die angespannte Lage.

Auch warnt Schaller vor dem Bumerang durch die gestundeten Sozialversicherungsbeiträge. „Gestundet bedeutet ja nicht geschenkt“, so Schaller. Betroffene Unternehmen hätten im kommenden Jahr die laufenden und die gestundeten Beiträge zu stemmen, was viele überfordern werde. „Jetzt hätte man vielleicht noch Reserven, um eine Sanierung anzustoßen. Im nächsten Jahr womöglich nicht mehr“ so Schaller: „Jetzt werden die Mittel aufgebraucht, die man für eine Sanierung bräuchte. Ob die Mittel 2021 noch vorhanden sind, ist dann fraglich.“


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