Das Kreuz mit dem Kreuz: „Es liegt nicht nur am falschen Bürostuhl“

Rund zwei Millionen Österreicher leiden an Rückenschmerzen. Dass diese nicht nur auf Bewegungsarmut und schlechter Haltung gründen, sondern Stress und Arbeitspensum eine Rolle spielen, belegt eine Studie.

Der Griff zum Nacken als Warnsignal: Genau hier liege eine Chance, wenn es uns gelänge, körperliche Symptome auch als Zeichen der negativen Be- und Überlastung wahrzunehmen und uns Strategien der Stressbewältigung anzueignen, sagt die Arbeitspsychologin Katrin Lechleitner.
© Getty Images/iStockphoto

Von Nina Zacke

Innsbruck, Landeck – Wer im Büro zum Nacken greift, verspürt – woran weltweit knapp jeder Vierte leidet – Rückenschmerzen. Meist werden die Probleme dabei erstrangig mit dem Arbeitsplatz in Verbindung gebracht, auf körperliche Ursachen wie eine falsche Haltung oder zu langes Sitzen zurückgeführt. Wenn der Rücken im Job schmerzt, „liegt das nicht nur am falschen Bürostuhl“, weiß der Rückenschmerzspezialist Max Chaimowicz. Das lange Sitzen, unbeweglich im Bürostuhl, sei nicht förderlich, aber das alleine mache keine Rückenschäden, so der Mediziner. Dauersitzen kann Rückenschmerzen begünstigen. Aber eben nicht auslösen.

Das lange Sitzen im Bürostuhl ist nicht förderlich, aber das alleine macht keine Rückenschäden.
Max Chaimowicz 
(Arzt)

„Einer der häufigsten Gründe für unsere Rückenschmerzen ist eine permanente Anspannung, die meist durch zu hohen Arbeitsdruck oder durch negative Belastungen am Arbeitsplatz ausgelöst wird“, erklärt die Arbeitspsychologin Katrin Lechleitner. Das belegte kürzlich eine Studie: Ein Team von Wissenschaftern der TU Dresden konnte zeigen, dass psychosoziale Arbeitsmerkmale wie Arbeitsintensität, Spielräume und Entscheidungsmöglichkeiten sowie soziale Unterstützung durch Chef oder Kollegen einen entscheidenden Einfluss auf das Erkrankungsrisiko haben. Den Studienergebnissen zufolge litten Menschen mit hoher Arbeitsbelastung häufiger an chronischen Rückenschmerzen, Arbeitnehmer mit mehr Handlungs- und Entscheidungsspielraum im Job waren hingegen deutlich weniger betroffen. Seelischer Stress habe einen sehr hohen Einfluss auf unser Schmerzerleben, betont die Psychologin. „Stress hat leider die Eigenheit, sich immer unsere Schwachstellen zu suchen und diese zu verstärken“, sagt Lechleitner weiters. Wenn bereits Rückenschmerzen vorhanden seien, werden diese intensiviert.

Einer der häufigsten Gründe für unsere Rückenschmerzen ist eine permanente Anspannung.
Katrin Lechleitner
 (Psychologin)

Und das Kreuz mit dem Kreuz nimmt zu: Rund zwei Millionen Menschen in Österreich leiden an Rückenschmerzen. Mit gut 35 Prozent Betroffenen hat sich die Zahl laut einer Studie von Grazer Wissenschaftern seit Ende der 70er-Jahre verdoppelt. Tendenz steigend. Dass es für den Rückenschmerzspezialisten oft gar nicht so einfach sei, den Patienten den Schmerz zu erklären, hänge vor allem damit zusammen, dass die meisten nichts vom Aufbau ihres Körpers wissen. Es gebe Leute, die beschäftigen sich damit und verstehen den Grund für den Schmerz. „Aber für die Mehrheit ist der Körper ein Werkzeug, das zu funktionieren hat, und die Bereitschaft, selbst etwas zu investieren, ob Zeit oder Aufmerksamkeit, ist bei den meisten nicht wahnsinnig groß“, sagt Chaimowicz. Für den Büroalltag rät der Mediziner dazu, regelmäßig Pausen zu machen und zwischendurch immer wieder aufzustehen und sich zu bewegen. Etwa gehend zu telefonieren. „Das Wechseln ist das Gute, dann ist die Belastung für den Rücken erträglich“, sagt Chaimowicz. Gerade auch dann, wenn vermehrt im Home-Office auf der Couch oder im Bett gearbeitet wird.

Generell kann der Griff zum Nacken aber als Warnsignal dienen. „Genau hier liegt eine Chance, wenn es uns gelingt, körperliche Symptome auch als Zeichen der negativen Be- und Überlastung wahrzunehmen und uns Strategien der Stressbewältigung anzueignen“, ist Katrin Lechleitner überzeugt. Wer dauerhaft unter Rückenschmerzen leidet, muss diese nicht einfach aushalten, sondern kann aktiv dagegensteuern: mit Physiotherapie, regelmäßiger Bewegung und Sport, psychologischer Schmerzbehandlung und Stressreduktion, Lebensstil- und Verhaltensänderung. „Aber gerade die letzten zwei Säulen werden häufig immer noch vernachlässigt“, so Lechleitner.

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Lebenshilfe-Geschäftsführer: Gesundheitsvorsorge wirklich ernst nehmen

Unternehmen sollten für die Mitarbeitergesundheit Sorge tragen. Im TT-Gespräch erzählt Lebenshilfe-Geschäftsführer Georg Willeit warum.

Unser Gesundheitssystem ist nicht auf Prävention ausgerichtet. Sollten Ihrer Meinung nach hier Unternehmen selbst einschreiten?

Georg Willeit: Ja, unbedingt, ein Unternehmen lebt von gesunden, zufriedenen Mitarbeitern. Gesundheit ist vielfältig, gerade in einem Unternehmen. Daher muss es ein strategisches Anliegen des Betriebs sein, gesunde und motivierte Mitarbeiter zu haben, vor allem auch in einer vielleicht belastenden Arbeitssituation. Das Unternehmen sollte alles tun, um das abzufedern, zu verkleinern und zu verbessern. Es beginnt damit, wie ich ein Unternehmen gestalte. Man braucht Klarheiten in der Struktur, klare Funktionsbeschreibungen, klare Verantwortungsbeschreibungen. Damit man all diese Graubereiche reduziert: Ich erwarte mir von einer Mitarbeiterin, sie soll das tun, sage es aber nicht. Sie denkt sich etwas anderes. Das macht krank und unzufrieden. Und bringt Reibungsverluste und Konflikte.

Die Lebenshilfe hat erstmalig vor fünf Jahren mit dem Schwerpunkt „Gsund&Achtsam“ auf ein präventives Programm für Mitarbeiter gesetzt. Wie kam es zu diesem Gesundheitsvorsorgeprogramm?

Willeit: Es war eine logische Weiterentwicklung eines Kulturwandelprozesses in der Organisation. Wir hatten vor acht Jahren einen großen Identitätsprozess. Wir fragten uns, wohin wollen wir gehen, wofür stehen wir ein? Auch das Thema: Wie gehen wir auf der Mitarbeiterebene miteinander um? Wie gehen wir auf der Klientenebene miteinander um? Das muss bei uns relativ selbstähnlich sein. Menschen mit Behinderungen zu einem selbstbestimmten und barrierefreien Leben zu begleiten, kann ich nur, wenn das Gleiche für die Mitarbeiter gilt. Wir haben unsere Assistenzverständnisse für Menschen mit Behinderungen geändert. Klar war, dass die gleichen Leistungsbausteine, die das „Das sind wir“ formuliert, 1 zu 1 auch für Mitarbeiter gelten. Autoritäres Führen lässt dies nicht zu.

Was sind konkrete Eckpfeiler von „Gsund&Achtsam“?

Willeit: Wir haben einerseits unsere Führungskräfte auf gesundes Führen, Resilienz, Burnout-Prophylaxe, klare Kommunikation geschult, andererseits die Mitarbeiter in Gruppen befragt, was sie brauchen, und es umgesetzt.

Haben Sie einen Ratschlag für andere Unternehmer, Gesundheitsvorsorge einzuführen bzw. zu verstärken?

Willeit: Das Thema wirklich ernst nehmen. In einer Zeit, wo für Mitarbeiter der Sinn immer wichtiger wird, ist es eine Win-win-Situation fürs Unternehmen. In Bezug auf die Mitarbeiterzufriedenheit, aber auch für die Mitarbeiter zu sehen, mein Unternehmen macht mehr als der Standard. Einen Obstkorb auf den Tisch zu stellen und einmal miteinander laufen zu gehen, obwohl das teamfördernd ist, ist indes zu wenig. Es sollte nicht als Alibi dienen. Es braucht die strategische Ernsthaftigkeit dahinter. Und es rechnet sich: weniger Krankenstandstage, höhere Motivation, höheres Commitment für die Organisation.

Das Gespräch führte Nina Zacke


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