„Es ist einfach ein Desaster“: Bauern verzweifeln wegen Wolfsrissen

Auf der Alpe Zanders in Spiss sind erneut tote Schafe mit verräterischen Bissspuren gefunden worden. Die Bauern verzweifeln. Im Kaiserwinkl wagte sich ein Wolf nah an bewohntes Gebiet.

Auf der Alpe Zanders bei Spiss haben die Fließer Schafbauern einen Elektrozaun errichtet. Im entlegenen Almgebiet an der Grenze zur Schweiz wurden allein an diesem Wochenende fünf Wolfsrisse entdeckt.
© E. Neururer

Von Benedikt Mair und Helmut Wenzel

Spiss, Fließ, Pfunds, Navis, Walchsee – Innerhalb weniger Tage zweimal zugeschlagen hat der Wolf auf einer der entlegendsten Almen Tirols. Auf der Alpe Zanders in Spiss, auf 2000 bis 2600 Metern Seehöhe, unweit der Grenze zur Schweiz sind am Sonntag die Kadaver von fünf Schafen entdeckt worden. Sie gehören Bauern der Fließer Agrargemeinschaft, die Besitzerin der Alm ist. Dort liegen die Nerven blank.

Laut Martin Janovsky, dem Beutegreifer-Beauftragten des Landes Tirol, wurden an den getöteten Weidetieren die für Wölfe charakteristischen Kehlbisse entdeckt. „Aufgrund des Rissbildes ergibt sich ein konkreter Verdacht“, sagt Janovsky. Eine genetische Untersuchung von entnommenen Speichelproben soll folgen. Noch nicht ausgewertet ist Analyse von DNA, die Anfang August an drei ebenfalls auf der Spisser Alm getöteten Schafen sichergestellt wurde. „Es ist einfach ein Desaster“, macht Bauer Robert Hueber aus Spiss seinem Ärger Luft. Er hat heuer 200 Herdentiere auf den benachbarten Muttakopf-Schafberg aufgetrieben. „Ich überlege, ob ich sie vorzeitig in den Stall treiben soll.“

Unter den Fließer Schafbauern ist die Empörung groß. Einer von ihnen ist Erich Neururer, und dem reicht es gehörig: „Wir haben auf Zanders erst in den vergangenen Tagen rund 60 Hektar Weidefläche eingezäunt. Das waren 480 Arbeitsstunden.“ Dabei umfasse das steile, teils felsige Almgelände rund 600 Hektar. „Es ist praktisch unmöglich, alles einzuzäunen.“ Der von vielen „Ratgebern“ empfohlene Herdenschutz könne auf dieser Alm nie lückenlos umgesetzt werden, meint Neururer.

Dieser Meinung ist auch der Fließer Agrarobmann und Bürgermeister Hans-Peter Bock: „Wir schauen uns an, ob eine eingezäunte Teilfläche etwas nützt.“ Er selbst bezweifelt die Wirksamkeit des Elektrozauns. Der Fließer Almmeister Reinhold Jäger sieht es ähnlich. „Der Zaun ist sicher kein Zukunftsszenario. Der muss vor dem Winter ja wieder abgetragen werden. Uns geht es jetzt darum, dass wir den Sommer mit unseren Tieren halbwegs überleben.“ Jäger kennt sich mit dem Thema Herdenschutz aus, hat sich intensiv damit beschäftigt, sogar einen Aufsatz darüber verfasst. Der Titel: Die Mär von der Koexistenz von Weidewirtschaft und Wolf. Seine Schlussfolgerung hat Jäger in eine provokante Frage verpackt, die eine düstere Zukunft zeichnet: „Wollen wir ernsthaft eine alpine Landschaft voll mit elektrifiziertem Maschendrahtzaun mit Flatterbändern, Warnhinweistafeln, bellenden Hunden und mit Hundekot verschmutzte alpine Matten?“

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Nicht nur auf der Alpe Zanders ins Spiss oder bei den betroffenen Bauern in Fließ, sondern quer durch ganz Tirol sorgen Bericht von getöteten Weidetieren seit Wochen für Aufregung. Aus Pfunds, wo bereits im Juli ein Beutegreifer zahlreiche Schafe gerissen hatte, wurde den Behörden wieder ein Vorfall gemeldet. Gestern lief dort noch die amtstierärztliche Abklärung, Genaueres war deshalb nicht bekannt. Im Gemeindegebiet von Navis wurden vor Kurzem ebenfalls Tierkadaver entdeckt. Das getötete Lamm und der getötete Widder wiesen laut einer Aussendung der Landespressestelle allerdings „kein einem Verursacher eindeutig zuordenbares Rissbild auf“. Eine DNA-Analyse soll hier Klarheit bringen.

Ein umherstreifender Beutegreifer sorgt bei den Bauern im Kaiserwinkl seit Wochen für schlaflose Nächte. Dutzende Schafe sollen dem Tier dort bereits zum Opfer gefallen sein. „Und der Wolf wagt sich immer näher an bewohntes Gebiet“, sagt Florian ­Thrainer. Der Niederndorfer ist Jagdkartenbesitzer in einem Revier in Walchsee und hat dort am vergangenen Samstag ein verendetes Reh entdeckt. „Das war etwa 400 Meter oberhalb des Golfplatzes, zum nächsten Hof sind es 300 Meter.“ Er habe den Fund gemeldet, der Amtstierarzt nach seiner Begutachtung gemeint, dass wohl ein Wolf das Tier getötet hat. „Noch ist das Vieh auf der Alm, noch findet er dort oben sein Fressen. Aber was ist nach dem Abtrieb?“, fragt sich Thrainer. Dem Beutegreifer-Beauftragten Martin Janovsky ist der Fall bekannt, er glaubt allerdings nicht, dass von dem Wolf eine Gefahr für den Menschen ausgeht. „Entscheidend ist nicht, ob sich Wölfe in der Nähe von Menschen aufhalten, sondern wie sie sich bei Begegnungen verhalten.“ Bei dem Tier, das sich im Grenzgebiet zwischen Tirol und Bayern aufhalte, handle es sich zudem definitiv um einen Wolf und nicht um einen Hund-Wolf-Hybriden.


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