US-Demokraten halten virtuellen Parteitag ab

Bei den Parteitagen der beiden US-Großparteien bleibt kein Stein auf dem anderen. Die viertägige „Convention“ der Demokraten macht den Anfang und beginnt am kommenden Montag. Von der ursprünglich in der Stadt Milwaukee geplanten Großveranstaltung bleibt jedoch an Ort und Stelle wenig übrig. Delegierte, Redner und sogar Spitzenkandidat Joe Biden werden nicht persönlich teilnehmen.

Normalerweise ist die Convention der Demokraten ein Großereignis und Medienspektakel der Sonderklasse. Bereits mehr als ein Jahr im Voraus war bereits festgestanden, dass die Kür des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in der größten Stadt des Midwest-Bundesstaats Wisconsin stattfinden würde. Aufgrund des Coronavirus schrumpfte das Event jedoch Stück für Stück.

Im April wurde die ursprünglich von 13. bis 16. Juli geplante Veranstaltung in einem ersten Schritt auf Mitte August verschoben. Während man Anfang Juni noch von mehreren Veranstaltungen in den USA ausgegangen war, hat das Coronavirus auch dieser Idee einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Veranstaltungsort wurde von Milwaukees Basketballstadium in das deutliche kleinere „Wisconsin Center“ verlegt. Nun scheint auch das nur noch pro forma zu sein, denn die Veranstaltung dürfte nun fast ausschließlich virtuell stattfinden.

Nur noch Personen, die für die Abwicklung und Organisation notwendig sind, werden sich in Milwaukee aufhalten, heißt es von offizieller Seite. „Obwohl wir uns wünschen, dass wir die Welt in Milwaukee (...) willkommen heißen können, erkennen wir, dass die Sicherheit der Gastgeberstadt und aller Involvierter an erster Stelle stehen muss“, so Convention-Chef Joe Solmonese.

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Der Online-Parteitag soll unter dem Motto „Uniting America“ („Amerika vereinen“) stehen. „Die Bühne der demokratischen Convention wird dieses Jahr größer sein als jemals zuvor - nämlich in Städten und Orten überall in Amerika“, versucht das Organisationskomitee aus der Not eine Tugend zu machen.

Nicht nur die zahlreichen wahlberechtigten Delegierten werden nun ausschließlich per Video zu sehen sein. Gastrednern, Senatoren und Kongressabgeordneten legte man im Juli bereits nahe, im Interesse der Sicherheit nicht nach Wisconsin anzureisen. Auch ihre Ansprachen werden nun nur als Videoeinschaltungen erfolgen. Spitzenkandidat Joe Biden zog kurz danach ebenfalls die Reißleine. Anfang August gab er bekannt, nicht zum Parteitag kommen zu wollen. Auch die Stimmabgabe der Delegierten funktioniert virtuell.

Formell geht es bei den Parteitagen darum, den Präsidentschaftskandidaten zu wählen. Bei den Demokraten braucht es 1.991 Stimmen der 3.979 wahlberechtigten Delegierten, um das begehrte „Ticket“ für die Wahl am 3. November zu ergattern. Bestimmt werden die Delegierten durch Vorwahlen in den einzelnen Bundesstaaten. Anders als bei den Republikanern gibt es bei den Demokraten aber auch sogenannte „Superdelegierte“, die nicht von der Basis gewählt wurden. Diese 771 Parteigranden, darunter die demokratischen Kongressabgeordneten und Gouverneure sowie Ex-Präsidenten, kommen aber erst zum Zug, wenn im ersten Wahlgang die absolute Stimmenmehrheit verfehlt wurde.

Aufgrund der Tatsache, dass sich das anfangs stark überfüllte Kandidatenfeld der Demokraten in relativ kurzer Zeit auf den Ex-Vizepräsidenten Joe Biden konsolidiert hat, stehen keine großen Überraschungen mehr bevor. Joe Biden, nach dem Rückzug von Bernie Sanders der einzig verbliebene Präsidentschaftskandidat, hält nämlich bei 2.627 Delegierten. Die Anzahl der Delegierten selbst ist direkt proportional zum Wahlergebnis aus den Vorwahlen in den jeweiligen US-Bundesstaaten.

US-Bürger können die viertägige Convention via Livestream auf diversen Plattformen verfolgen, darunter YouTube, Facebook, Twitter und Twitch. Jeweils täglich von 21:00 bis 23:00 Uhr New Yorker Zeit (03.00 bis 05.00 Uhr MESZ) werden die virtuell übertragenen Hauptveranstaltungen stattfinden. Höhepunkt ist am Donnerstagabend die Rede des nominierten Präsidentschaftskandidaten.

Milwaukees Bürgermeister Tom Barrett hat vom Rückzug Joe Bidens am Mittwoch erfahren und zeigt sich in Anbetracht der virtuellen Konferenz wenig enthusiastisch. „Ich würde lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich sehr, sehr enttäuscht bin, sowohl persönlich als auch professionell. Wir alle waren sehr stolz, dass Milwaukee als Austragungsort für die Democratic National Convention ausgewählt wurde“, sagte Barrett gegenüber der US-Nachrichtenagentur AP.


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