„Etwas kommt mir bekannt vor“ im Brux: Im Seelenspiegelkabinett

Schockierend schön: „Etwas kommt mir bekannt vor“, die aktuelle „Theater praesent“-Produktion, im Brux.

Der Bus steht, die Gedanken nehmen Fahrt auf: Johnny Mhanna, Yael Hahn und Elke Hartmann in „Etwas kommt mir bekannt vor“.
© Jarosch

Innsbruck – Das Hinterhältige an Privilegien ist, dass sich die, die sie genießen, zumeist gar nicht bewusst sind, wie privilegiert sie sind. Dass also bestimmte Privilegien als naturgegebene Normalität empfunden werden, nur weil sie Menschen schon bei der Geburt geschenkt werden: das Geschlecht zum Beispiel, die Hautfarbe oder die sexuelle Orientierung. Obwohl inzwischen als bekannt vorausgesetzt werden darf, dass Männer nach wie vor besser verdienen als Frauen – und bei zufälligen Stichproben in Zügen oder Überlandbussen auffallend oft Mitreisende mit dunklerer Hautfarbe nach dem Pass gefragt werden –, müssen Privilegierte immer wieder auf ihr Glück hingewiesen werden. Auch das ist Aufgabe von Theater, das sich und sein Publikum ernst nimmt.

„Etwas kommt mir bekannt vor“ – die aktuelle „Theater praesent“-Produktion im Innsbrucker Brux – macht das auf beeindruckende Weise. Das Stück der in Israel geborenen Autorin Liat Fassberg spielt in einem Bus, in dem – wohl an einer Grenze – aussortiert wurde. Mutmaßlich Geflüchtete wurde von Ordnungshütern abgeführt. Die Zurückgebliebenen schlagen Zeit tot, ergreifen das Wort, mal zornig, mal fragend, manchmal ängstlich, dann wieder resigniert. „Ein Seelenspiegelkabinett“, heißt es an einer Stelle. Das trifft es ziemlich genau. Das, was gesagt wird, ist mitunter drastisch. Es geht um Diskriminierung, um Sorgen, die Ressentiments werden. Und es geht um Diskriminierungserfahrungen. Das geht nahe, löst etwas aus. Im sicheren Zuschauerbereich sitzend befragt man sich selbst. Ist das eigene Denken und Handeln tatsächlich immer astrein? Wie hält man es mit den eigenen Privilegien? Nimmt man etwa die Möglichkeit eines unbeschwerten Premierenabends als etwas Gegebenes hin? In der Lesart von Regisseur Rudolf Frey ist „Etwas kommt mir bekannt vor“ eine immersive Erfahrung, ein Anstoß zur Selbstreflexion.

Frey hat den Text auf zwei Darstellerinnen und einen Darsteller verteilt. Yael Hahn, Elke Hartmann und Johnny Mhanna spielen verschiedene Figuren. Trotz der vielen bisweilen betont beiläufig gesetzten, sprich klug choreografierten Rollenwechsel lassen sich hinter den kantigen Schablonen Charaktere ausmachen. „Etwas kommt mir bekannt vor“ ist kein Lehrstück, kein Theorietheater. Es wird nichts vorgeführt. Es gibt keine Versuche, sich die Welt vom Leib zu halten. Im Gegenteil: Die Welt wird hineingeholt in den durch eine Stangenkonstruktion angedeuteten Bus (Ausstattung: Alexia Engl). Der wird den Insassen zwar zusehends zum Gefängnis, trotzdem findet sich Raum für, von bezaubernder Musik untermalte, Momente eindrücklicher Intimität. Ein schockierend schöner Abend. (jole)


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