Franco Fagioli bei Innsbrucker Festwochen: Barocke Opulenz und Pracht

Mit Countertenor Franco Fagioli gastiert ein Topstar bei den Innsbrucker Festwochen – und erfüllt die hohen Erwartungen.

Es scheint so einfach und spielerisch leicht, tatsächlich ist es kräfteraubende Gesangskunst auf höchstem Niveau. Countertenor Franco Fagioli und das Ensemble „Il pomo d’oro“ treten wegen der Corona-Beschränkungen zweimal am selben Abend in Innsbruck auf.
© Lercher

Von Markus Schramek

Innsbruck – Barockzeit, das war die Hoch-Zeit berühmter Kastratensänger mit Farinelli als dem bekanntesten. Männer, die sich nach chirurgischen Eingriffen im Kindesalter stimmlich in den Lagen von Frauen bewegten und in den Konzertsälen der damaligen Zeit gefeiert wurden.

Es erfolgt ein Schnitt, allerdings bloß ein solcher in die Gegenwart, in der Countertenöre hoch im Kurs stehen. Opernsänger dieses Fachs dringen längst ohne medizinischen Eingriff, sondern mithilfe einer speziellen Gesangstechnik bis in höchste, normalerweise den Frauen vorbehaltene, Höhen vor.

Mit dem Argentinier Franco Fagioli präsentieren die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik am Mittwochabend einen Countertenor-Superstar. Er tritt im auf 400 Zuhörer beschränkten Großen Haus des Landestheaters (Corona, what else?) gleich zweimal auf. Und was für einen Spaß er dabei hat.

Am Ende des ersten Konzerts, dem die TT beiwohnt, werden Fagioli und sein vorzügliches Begleitorchester Il pomo d’oro vom verzückten Publikum – wiederholt und vehementest – auf die Bühne zurückapplaudiert.

Zur letzten Ehrenrunde erscheint der Sänger allerdings allein. Versuche, das Orchester aus dem Off herbeizuwinken, bleiben ohne Reaktion. Schade, aber offensichtlich nicht zu ändern. So gibt der Gesangskünstler dem Auditorium eben eine charmante A-cappella-Version von „Non ti scordar di me“ („Vergiss mich nicht“) mit auf den Weg zum Abkühlen ins Freie. Vergessen wird dieses Konzert so rasch wohl niemand.

Denn Fagioli und Il pomo d’oro tischen ein opulentes musikalisches Menü auf, Ausschnitte aus der barocken Opernwelt, komponiert von Georg Friedrich Händel und Leonardo Vinci. In dessen Arie „Gelido in ogni vena“ – auf Deutsch so circa „Eiskalt bis ins Blut“ – werden Höllenqual, Entsetzen, Wut, Zorn und Empörung, wie es diese Arie aus „Siroe, re di Persia“ verlangt, plastisch spürbar.

Fagioli changiert zwischen den Oktaven, von Alt bis Sopran hat er alles dabei, dazu Koloraturen, Verzierungen, die Pracht barocken Gesangs.

Eine solche Eruption höchster Töne geht an die Substanz. Der Interpret muss mitunter regelrecht nach Luft schnappen. Am Ende seiner Solopartien verharrt Fagioli für Sekunden bewegungslos und mit geschlossenen Augen, so als würde die Musik in seinem Inneren noch nachhallen.

Das Ensemble Il pomo d’oro gerät angesichts einer solchen sängerischen Performance völlig unverdientermaßen ein wenig in den Hintergrund. Doch bei Händels Concerto grosso F-Dur op. 6/2 kann diese internationale Selektion feiner Musiker ihre Klasse über mehrere Sätze eindrucksvoll zum Klingen bringen.

Dann kommt Franco Fagioli zurück ins Rampenlicht und nimmt das Große Haus mit seiner künstlerischen Präsenz zur Gänze in Beschlag. Eine Ausnahmeerscheinung.


Kommentieren


Schlagworte