Siniša Ilić: Revolutionäres Potenzial als globaler Rettungsanker

„Orientation in 100 revolutions“, 2017 von Siniša Ilić auf eine 100 Quadratmeter große Plane gedruckt. Angelegt als zeichenhaft dekonstruierte Weltkarte anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution.
© Daniel Jarosch

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Der Corona geschuldeten Reiseregelungen wegen kann Siniša Ilić bei der heutigen Eröffnung seiner Personale im Kunstraum nicht leibhaftig dabei sein, beim „Artist Talk“ morgen Samstag um 12 Uhr soll der Belgrader Künstler allerdings live per Video zugeschaltet werden. Aber auch das als visuelles Rätsel angedachte Gemälde, das der 43-Jährige direkt auf eine der kunsträumlichen Wände malen wollte, muss ungemalt bleiben, während andererseits eine ganze Reihe von Arbeiten ohne Corona so nicht entstanden wären. Spielen da Masken in den unterschiedlichsten Varianten doch eine zentrale Roll­e, scherenschnittartig plakativ zelebrierte genauso wie fein gezeichnete. Die Grenzen von Menschen wie Ländern lösen sich hier auf, gewohnte Ordnungen zerfallen, Ängste genauso wie Vorurteile machen sich breit, während ironischerweise dem Kapitalismus die Konsumenten ausgehen.

Eindrucksvolles Zentrum der Schau ist allerdings eine 100 Quadratmeter große Plane, die einen opulenten Bogen zur russischen Oktoberrevolution von 1917 schlägt. Formal in unübersehbarer Nähe zur russischen Avantgarde als dekonstruierte Weltkarte angelegt, während in dem Video, das nebenan läuft, 100 revolutionäre Initiativen, die in ebenso vielen Jahren die Welt unter den unterschiedlichsten Vorzeichen positiv hätten verändern sollen, performativ heruntergebetet werden. Die Plane tourt als Aufforderung, die Hoffnung nie aufzugeben, durch die Lande. Auf ihrem Weg in den Kunstraum wurde sie etwa am schmelzenden Kaunertaler Gletscher ausgerollt und am 9. Oktober soll sie von der Balkonbrüstung des Innsbrucker Rathauses hängen.

Ilić ist ein zutiefst politisch bewegter Künstler, wobei den Belgrader naturgemäß besonders die postkommunistische Situation in seiner Heimat interessiert. Um trotzdem immer viel größer zu denken. Indem er etwa mit diversen visuellen Mitteln hinterfragt, wie heute die Aufteilung der Welt passiert, wer die Dienenden bzw. Bedienten, die Kontrolleure und die Kontrollierten sind.

Ausstellung

Kunstraum Innsbruck. Maria-Theresien-Straße 34; bis 10. Oktober, Di–Fr 12–18 Uhr, Sa 10–15 Uhr. Eröffnung heute 16–21 Uhr.

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