Nach Mord in Wörgl: Täter seit einem Jahr flüchtig, Mitläufer vor Gericht

Am 21. August 2019 wurde in Wörgl ein Afghane erstochen. Die zwei Mordverdächtigen sind noch immer untergetaucht. Ein Tschetschene wurde bereits verurteilt.

Die Polizei in der Nacht zum 22. August 2019 am Schauplatz des Gewaltverbrechens in Wörgl. Der mutmaßliche Mörder und sein Komplize sind seit einem Jahr auf der Flucht.
© Koechler

Von Thomas Hörmann

Wörgl – Ein Streit, ein Handgemenge, dann bricht ein 20-jähriger Afghane leblos zusammen. Die Folgen einer Messerattacke, die den Migranten vor fast genau einem Jahr in Wörgl das Leben kostete. Das Gewaltverbrechen blieb bislang ungesühnt. Zwar sind der mutmaßliche Mörder und sein Komplize längst identifiziert, aber noch immer auf freiem Fuß. Die beiden Tschetschenen haben sich unmittelbar nach der Bluttat „ins Ausland abgesetzt“, sagt Thomas Willam, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft. Seither seien die beiden unauffindbar: „Gegen die Tatverdächtigen wurde ein europäischer Haftbefehl erlassen.“ Ein Mitläufer stand aber bereits vor Gericht, zwei weitere warten noch auf ihre Verhandlung.

Gegen die Tatverdächtigen wurde ein europäischer Haftbefehl erlassen.
Thomas Willam (Staatsanwaltschaft)

Rückblende: Es war am Abend des 21. August 2019, als sich etwa zehn junge Männer – die meisten davon tschetschenischer Herkunft – mit zwei VW Golf aus dem Innsbrucker Raum auf den Weg nach Wörgl machten. Der Grund für den Ausflug: ein Treffen mit afghanischen Migranten. Wie die Ermittler des Landeskriminalamtes erst später herausfinden sollten, ging’s dabei um Kokain. „Um etwa 100 Gramm, eine größere Menge also“, bestätigt Willam. Der Straßenverkaufswert liegt je nach Qualität bei etwa 100 Euro je Gramm, en gros ist die beliebte Droge deutlich günstiger zu haben. Um wie viel billiger, wird zum Streitauslöser, als die afghanischen Verkäufer mit den tschetschenischen Kunden am späten Abend des 21. August in der Innsbrucker Straße Preisverhandlungen führen. „Die beiden Gruppen können über den Verkaufspreis keine Einigung erzielen“, schildert der Staatsanwalt. Doch ohne Kokain wollen die Tschetschenen nicht die Heimfahrt antreten. Sie sind mehr, sie sind teils bewaffnet. „Sie beschließen, den Deal ohne zu bezahlen durchzuziehen“, weiß Willam. Die Afghanen wehren sich und wollen die Drogen im Wert von mehreren tausend Euro nicht widerstandslos abgeben. Ein Handgemenge ist die Folge. Und das endet fatal. Ein Tschetschene hat plötzlich ein Messer in der Hand. Sekunden später sinkt der 20-jährige Afghane mit einer Stichwunde in der Brust auf den Boden. Noch in der Nacht erliegt er im Kufsteiner Krankenhaus seiner Verletzung. Die beiden Landsmänner kommen unversehrt bzw. leicht verletzt davon. Die Angreifer plündern die Opfer aus, springen mit dem Kokain in die beiden VW Golf und rasen davon. Die Polizei steht zunächst vor einem Rätsel.

Die beiden Gruppen konnten über den Verkaufspreis keine Einigung erzielen.
Thomas Willam (Staatsanwaltschaft)

Doch schon am nächsten Tag könnten die Ermittler eines der beiden Fluchtfahrzeuge in Innsbruck sicherstellen. Den Beamten gelingt es auch, den Lenker des silberfarbenen VW – einen 19-jährigen Einheimischen – auszuforschen. Der „waschechte“ Innsbrucker, der offenbar nicht ganz freiwillig den Wagen nach Wörgl und zurück steuerte, packt aus. Wenig später sind ein 20-jähriger Tschetschene und ein 21-jähriger offenbar aus Nordafrika stammender Staatenloser auf der Fahndungsliste. Sie können bald festgenommen werden. Wie sich herausstellt, waren die drei Verdächtigen ebenso wie fünf Mitfahrer an der eigentlichen Gewalttat nicht beteiligt. Sehr wohl aber am missglückten Kokaingeschäft. So kam es, dass der 20-jährige Tschetschene bereits im März wegen Hehlerei (weil er einen Anteil des geraubten Kokains erhielt), Fluchthilfe und Vorbereitung eines Suchtgifthandels zu 15 Monaten unbedingter Haft verurteilt wurde. Aus denselben Gründen werden zu einem noch nicht fixierten Zeitpunkt der Innsbrucker und der Staatenlose vor Gericht stehen. Mit dem eigentlichen Mord in Verbindung gebracht werden derzeit nur die beiden flüchtigen Tschetschenen.


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