Blick zurück im Zeitungsarchiv: Früher war es nicht besser

Albrecht Dornauer, Obmann des Subkulturarchivs, wühlt sich durch 3000 Ausgaben der Tiroler Tageszeitung von 1960 bis 1970. Sein Fazit: Die gute alte Zeit gab es nie! Und die Jungen machen etwas richtig, wenn es die Älteren nicht verstehen.

Albrecht Dornauer durchforstet Ausgaben der Tiroler Tageszeitung. Schmunzeln muss er über die „verderbte Jugend“.
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Von Alexandra Plank

Innsbruck – Derzeit durchforstet Albrecht Dornauer im Stadtarchiv Innsbruck die gebundenen Ausgaben der Tiroler Tageszeitung nach Kulturberichten. Ihm und seinen Mitstreitern geht es darum, jene Subkultur sichtbar zu machen, die, anders als die Hochkultur, nicht automatisch gesammelt wird. So werden Plakate und Flyer online (subkulturarchiv.at) gestellt, aber auch dem Stadtarchiv übergeben, um etwas Greifbares aufweisen zu können. Vieles, das einst als Ausdruck der „wilden Jugend“ galt, ist heute anerkannt.

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Auf der Suche nach frühen Treffpunkten wird Dornauer im Lokalteil, im Kulturteil, aber auch auf den Veranstaltungsseiten fündig. „Ich treffe mich auch mit Zeitzeugen. So unterhalte ich mich etwa mit Gert Chesi über die frühe Kulturszene in Schwaz. Wenn ich einen Artikel dazu habe, fällt die Erinnerung leichter“, sagt der leidenschaftliche Plattensammler. Er dokumentiert mit anderen die Popkultur ab den 55er-Jahren in Tirol. Interessant sei, dass es erst ab den späten 60ern DJs gab, Beat Bands spielten zuvor jedoch von Volksmusik bis Jazz live alle Stückeln.

Bei seinen Recherchen erkannte Dornauer rasch, dass die Zeiten früher auch nicht besser waren. „Einmal wurden an einem Tag vier Vergewaltigungen verhandelt, aus einem anderen Bericht geht hervor, dass Wandere­r bei Mutters überfallen wurden.“ Ein krasses Beispiel sei, dass ein Jugendlicher einen Polizisten niederstach, der gegen seine Bande ermittelt hatte. Der Bursche gab an, er sei von seinem 16-jährigen Boss angestiftet worden.

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„Ewig zieht sich auch die Diskussion, ob die Promillegrenze von 1,5 gesenkt werden soll. In Telfs gab es 1964 rund 290 Unfälle, bei wenigen Bewohnern und Auto­s.“ Mit Belustigung liest Dornauer alles, was mit der verderbten Jugend zu tun hat (siehe oben links). So wird im Bildtext kritisiert, dass die Jungen am Rennweg herumlungern und „die hochgeschätzten Gäste außer Valuten und Devisen auch ein bisschen lockere Sitten mitbringen“.

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Ein großer Unterschied hinsichtlich der Jugendkultur bestehe aber dennoch, sagt der Forscher: „Heute geht es darum, viele Likes zu bekommen.“ Wie definiert Dornauer eigentlich Jugendkultur? „Ich sage, die Jungen machen immer etwas richtig, wenn es die Älteren nicht verstehen.“


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