Gert Chesi wird 80: Enfant terrible aus Überzeugung

In Schwaz wird morgen Samstag Gert Chesis 80. Geburtstag ganz groß gefeiert. Das Museum der Völker widmet seinem Gründer eine Ausstellung, im Toni-Knapp-Haus sind seine neuesten Menschenbilder zu sehen.

Gert Chesi sitzt hier im Schwazer Museum der Völker auf einem Voodoo-Frauensessel.
© Vanessa Rachlé / TT

Von Edith Schlocker

Schwaz – Auch mit 80 kann – und will – Gert Chesi das Provozieren nicht lassen. Um allein schon mit dem Plakat zu seiner Ausstellung, die morgen im Schwazer Toni-Knapp-Haus eröffnet wird, die Gemüter zu erregen. Mit an sich harmlosen Fotos meist schöner junger nackter Afrikanerinnen, die er während der vier Monate, die er Corona wegen in Togo festgesessen ist, „geschossen“ hat. Gedacht als „Hommage an die Frau“, hier die Ausbeutung armer junger schwarzer Mädchen durch einen alten weißen Mann zu orten, verkenne schlicht und einfach die Tatsachen, so Chesi. Um seinerseits in dieser Ansicht einen verkappten Rassismus zu orten.

Die in der Schau zu sehenden Fotos beziehen sich auf das Kapitel „Nackt und frei“ in Chesis soeben erschienenem Buch „Neue Menschenbilder“. Andere sind den Gesichtern der Welt, Menschen und ihren Festen oder sehr speziellen Lebensräumen gewidmet.

Seit er denken könne bzw. fotografiere, gelte sein zentrales Interesse den Menschen, besonders außereuropäischen, sagt der Querdenker aus Prinzip, den seine Neugier auf das Andere schon in ganz jungen Jahren von Schwaz aus in die Welt gezogen hat. Nachdem er 1958 als Gründer des „Studio 12“ bzw. sechs Jahre später der Eremitage den Jazz in der Tiroler Provinz implementiert hat. Dass hier anrüchige „Negermusik“ gespielt und „Affenbilder“ gezeigt wurden, wurde damals in den Schwazer Heimatblättern als „akute Gefahr für Leib und Seele der anständigen Tiroler Jugend“ getadelt, was Jazzgrößen wie Chick Corea, Gilberto Gil oder Meredith Monk nicht davon abhielt, in der inzwischen längst zu einem Fixpunkt im Tiroler Kulturleben gewordenen Eremitage zu konzertieren.

Doch die Neugier auf das Fremde zog Chesi immer weiter in die Welt hinaus, ließ den Fotografen zunehmend zum Ethnographen werden. Als 24-Jähriger besuchte er Albert Schweizer in seinem Urwaldspital in Lambaréné und blieb acht Monate dort. Hier sei er zum Sammler geworden, sagt Chesi, der Beginn einer „fatalen Unart“, die ihm offensichtlich in die Wiege gelegt worden sei. Geholfen bei seiner Erkundung der Welt habe ihm immer, dass er komplett frei von Berührungsängsten jeder Art sei, sich auch in extremsten Situationen nie bedroht gefühlt habe.

Im Rahmen der Ausstellung im Schwazer Museum der Völker, die sowohl den 25. Geburtstag des Hauses als auch den 80. seines Gründers feiert, ist auch ein neuer Film über Albert Schweizers inzwischen zum Museum gewordenes Spital zu sehen. Einen Kreis schließend, der schön den Wandel in der Sicht auf Afrika und seine archaischen Kulturen sichtbar macht. Das Aufgeben des kolonialen Blicks zugunsten eines Dialogs auf Augenhöhe. Hätten wir Europäer doch absolut keinen Grund, überheblich zu sein. Andererseits ist es für Chesi auch falsch, den Afrikaner immer als Opfer zu sehen.

Zentrum der von Chesis Nachfolgerin als Leiterin des Museums der Völker, Lisa Noggler-Gürtler, gemachten Geburtstagsausstellung ist ein opulent mit von Chesi gesammelten Objekten afrikanischer Stammeskunst bestücktes „Schaudepot“. Anhand von vier von diesen wird auch das in letzter Zeit immer brisanter werdende Thema der Provenienzforschung angerissen. Eine Frage, mit der er im Zusammenhang mit seiner Sammlung nie direkt konfrontiert worden sei, sagt Chesi. Sei diese doch in einer Zeit entstanden, in der der Kolonialismus längst vorbei war. Die Schau führt aber auch vor, was Gert Chesi für Schwaz bedeutet, wirft jedoch auch die Frage auf, wie ein völkerkundliches Museum des 21. Jahrhunderts funktioniert.

Als seine Sammelleidenschaft nicht nur räumlich, sondern auch finanziell seine Grenzen zu sprengen drohte, hat Chesi vor 25 Jahren das Museum der Völker gegründet. Um nach unzähligen Sonderausstellungen seine Sammlung 2006 der Stadt Schwaz zu schenken, mit dem Ziel, nur noch das zu tun, „was ich will“. Die vertraglich festgehaltene Zusage, hier weiterhin jährlich zwei Sonderausstellungen zu kuratieren, sei allerdings nicht eingehalten worden. Was anfangs schon weh getan habe, sagt Gert Chesi, jetzt aber nicht mehr. Um nun viel Zeit zum Drehen von Filmen – 56 in den vergangenen zehn Jahren – zu haben, zu fotografieren und zu sammeln, neuerdings Objekte aus dem Japan von gestern.

Info

Museum der Völker. St. Martin 16; bis 31. Dezember, Do–So 10–17 Uhr. Eröffnung Samstag 10 Uhr.
Toni-Knapp-Haus. Burggasse 16; bis 15. September, tgl. 17–19 Uhr. Eröffnung Samstag 16 Uhr.
Stadtbücherei Schwaz; 14 Uhr, Buchpräsentation „Neue Menschenbilder“ von Gert Chesi.


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