Drei Tage lang leben wie ein obdachloser Mensch

Mit einer spektakulären Aktion möchte Reinhold Happ aus Innsbruck Bewusstsein schaffen – und möglichst viele Schlafsäcke finanzieren.

Zusätzlich zur Hauptaktion plant Reini Happ am Landhausplatz einen Flashmob, zu dem die Teilnehmer Schlafsäcke mitbringen sollen.
© Domanig

Von Michael Domanig

Innsbruck – Noch scheinen Winter, Eis und Schnee weit weg. Doch Reinhold Happ aus Innsbruck, Obmann des Benefizvereins „Reini Happ und Freunde“, ist in Gedanken schon jetzt in der kalten Jahreszeit. Von 20. bis 23. Dezember plant er eine Aufsehen erregende Aktion: Unter dem Motto „72 Stunden obdachlos in Innsbruck“ möchte er – gemeinsam mit Obmann-Stellvertreter Reinhard Sachsenmaier – drei Tage lang leben, schlafen und essen wie obdachlose Menschen.

Sein Ziel dabei: möglichst viele Winterschlafsäcke für den Verein für Obdachlose zu finanzieren bzw. zu sammeln und zugleich Bewusstsein für die Situation der betroffenen Menschen zu schaffen.

Happ, der als Betriebsrat bei Swarovski arbeitet, organisiert jedes Jahr eine Kleidersammlung im Betrieb sowie eine Schlafsacksammlung über die Facebookseite des Vereins. Die Aktion, an die er mit hörbarem Respekt herangeht, dient als „Aufhänger“ für die heurige Sammlung.

„Wir werden ohne Geld in der Tasche unterwegs sein“, sagt Happ. Essen werde man in der Teestube des Vereins für Obdachlose, in der Katharina-Stube (betrieben von der Caritas und den Barmherzigen Schwestern) und beim Vinzibus, für den Happ selbst jede Woche im Einsatz ist. „Wir werden auch versuchen, in der Notschlafstelle zu übernachten – klarerweise nur, wenn wir niemandem einen Platz wegnehmen, der ihn benötigt. Ansonsten schlafen wir draußen. Die Kleiderausgabestelle stattet uns mit Kleidung, Schlafsack und Isomatten aus.“

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Mir ist natürlich klar, dass ich jederzeit die Reißleine ziehen kann – das können Betroffene nicht
Reinhold Happ (Obmann Benefizverein)

Happ ist bewusst, „dass wir jederzeit die Reißleine ziehen können – diese Perspektive haben die Betroffenen nicht“. Aber es gehe darum, sich möglichst in deren Lage „einzufühlen“ und auch ins persönliche Gespräch zu kommen.

Die Vorbereitungen laufen: „Im Herbst drehen wir ein Video, in dem wir erklären, was wir vorhaben“, erzählt Happ. LH Günther Platter und LR Gabriele Fischer hätten zugesagt, im Video zu sprechen. Wichtiger Baustein der Aktion ist auch ein Weihnachtskonzert mit Marc Pircher am 14. Dezember im Haus Marie Swarovski in Wattens – der Reinerlös fließt zu 100 % ins Schlafsackprojekt.

Am 23. Dezember sollen die gesammelten Spenden dann in der Teestube an den Verein für Obdachlose übergeben werden, dazu gibt es eine Weihnachtsfeier mit Essen und Musik für die Klienten. Ebenfalls am 23. Dezember plant Happ zudem einen „Schlafsack-Flashmob“ am Landhausplatz – wobei hier die Anmeldung bzw. rechtliche Abklärung noch aussteht.

„Es macht natürlich den großen Unterschied aus, dass Reini Happ jederzeit aussteigen und in seine Wohnung gehen kann“, meint Michael Hennermann, Geschäftsführer des Vereins für Obdachlose. Er sei trotzdem froh über eine öffentlichkeitswirksame Aktion, „die das Thema Obdachlosigkeit vielen Menschen noch einmal näher bringen kann“.

Bis zu 300 Schlafsäcke gebe der Verein für Obdachlose jedes Jahr aus. „Es gibt immer wieder Menschen, die das Angebot der Notschlafstellen nicht nützen können – aufgrund psychischer Erkrankungen oder weil ihnen die Enge zu viel ist –, die aber Angebote wie Einzelzimmer sehr wohl nützen würden“, erklärt Hennermann. Mit Geldspenden könne der Verein gezielt größere Kontingente an Schlafsäcken ankaufen.

Während die Situation auf der Straße derzeit noch relativ unverändert sei, „spüren wir die Corona-Krise in unserer Sozial- und Delogierungsberatung extrem“, berichtet Hennermann. „Viele Leute, bei denen es schon vorher knapp war, die kein Erspartes auf der Seite, dafür aber vielleicht einen kleinen Kredit zu bedienen haben, sind sofort an ihren Grenzen.“ Er rechne damit, dass die Beratungszahlen auf hohem Niveau bleiben bzw. weiter steigen könnten – wenn etwa die Mieten zum Jahresende fällig werden.


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