„Everywoman": Allgemeingültiges aus dem Hospiz

Mit „Everywoman“ bricht Milo Rau den „Jedermann“-Stoff auf die harte Realität herunter. Berührend echt.

Inszeniertes Zwiegespräch: Ursina Landri und Helga Bedau in „Everywoman“.
© Smailovic

Salzburg – Warum gibt es nichts Neues zu sagen über den Tod? Nur eine von vielen Fragen, die Ursina Landri in „Everywoman“ stellt. Um damit vorzustoßen zum Kern der Sache – so klar und mutig, wie es der „Jedermann“ nicht wagt. Das war Milo Raus selbstauferlegte Aufgabe für die diesjährigen Salzburger Festspiele.

Genau heute vor 100 Jahren wurde Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ erstmals am Domplatz aufgeführt, schon am vergangenen Mittwoch trat der Schweizer Regisseur Milo Rau gemeinsam mit Schauspielerin Ursina Landri mit einer Neuinterpretation des „Jedermann“-Stoffes in Salzburg an – die zweite und letzte Schauspiel­uraufführung der heurigen Festspiele. Beauftragt von Schauspieldirektorin Bettin­a Hering sollte das erprobte Duo, u. a. bei „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ (2016), den „Jedermann“ neu denken.

Aus dem Spiel vom Sterben des reichen Mannes, einem „Todesvermeidungstheater“, wie Rau es im Programmbuch nennt, wurde eine berührend echte Begegnung. Die harte Realität schlägt zu: Im Zentrum von „Everywoman“ steht Helga Bedau, die Rau und Landri in Vorbereitung auf das Stück, eine Koproduktion mit der Schaubühne Berlin, kennen lernten. Im Hospiz. Vor Kurzem bekam die 71-Jährige die Diagnose Bauchspeichelkrebs, inoperabel.

Fragmentarisches aus ihrem Leben – Protest, Berlin, Benn­o Ohnesorg – erfährt das Publikum in der Szene Salzburg von Bedau selbst. Als virtuell­e Sprecherin wird sie Landri quasi zugeschaltet. Ihr letzter Wunsch, noch einmal in einem Theaterstück mitzuspielen, wird ihr damit erfüllt. Zwischen der Laiin und dem Profi entsteht ein Zwiegespräch.

Das Zusammenspiel der Ebenen als Kommentar auf die zunehmende Digitalisierung zu lesen, wäre 2020 zwar reizvoll. Das Tool ist in „Everywoman“ aber notwendige Maßnahme: Es war ungewiss, ob Bedau die Premiere des Stücks noch erlebt. Ihr gegenüber steht eine leergefegte Bühne (Ausstattung, Kostüme: Anton Lukas), zwei Felsbrocken, ein Klavier und Memorabilia der Krebskranken wiegen schwer auf dieser Seite des Gesprächs.

Mit Schwermut, doch stets hochfokussiert sinniert Landri dazu über Grundsätzliches – als Gegensatz zu Bedaus persönlicher Rede. Der ausufernde Monolog verhandelt die Welt, das ewige Sterben und Werden zur Reflexion über das Theater selbst. Doch „Everywoman“ sagt nichts Neues: Auch 2020 ist unser aller Sterblichkeit der eigentliche Skandal.

Bedau möchte am liebsten im Sommer sterben, bei Regen und Bach, erklärt sie im Video. Zur Stückpremiere war die Krebspatientin noch angereist und wurde dort für ihre letzte Rolle gefeiert. Auf der Bühne wird ihr auch dieser Wunsch erfüllt: Landri setzt sich am End­e jeder der sechs Vorstellungen ans Klavier, Bach erklingt, und ein sanfter Schnürlregen setzt ein. (bunt)


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