Festpiel-Finale in Salzburg: Die Ichs im Fokus, die Liebe im Kornfeld

Letzte Festspielwoche, die Festspielausstellungen laufen weiter: In der Galerie Ropac trifft man auf üppige Natur, im MdMS steht das Porträt im Zentrum.

Auch bei „Erwin, Toni, Ilse“, 1968/69 von Friedl vom Gröller, steht die psychologische Kraft des Porträts im Zentrum. Bis November zu sehen.
© Kaligofsky

Von Barbara Unterthurner

Salzburg – Erst eröffnet und schon wieder fast vorbei: Die Corona-bedingt verkürzten Salzburger Festspiele starten heute bereits in ihre letzte Veranstaltungswoche. Darüber hinaus laufen die so genannten „Festspielausstellungen“, die alljährlich in den Sommermonaten ein kulturbegeistertes Festspielpublikum auch in Museen und Galerien der Stadt locken sollen. In puncto Namen setzt man dabei traditionell auf die großen Kaliber. Auf Experimente verzichtet heuer vor allem der Pandemie-gebeutelte Kunstmarkt. In Zeiten ohne Kunstmessen wird Messetaugliches lieber in den eigenen Räumen gezeigt: In Salzburg sind das bei Ropac Anselm Kiefer (Standort: Villa Kast) oder Tony Cragg (Standort: Halle); bei Ruzicska Brigitte Kowanz, bei Welz Max Weiler.

Wie im Atelier riecht es in den Räumen der Galerie Thaddaeus Ropac: Die Monumentalwerke von Anselm Kiefer scheinen kaum getrocknet. Der ausgestellte Zyklus ist Walther von der Vogelweide gewidmet, mit dessen Liebeslyrik sich Kiefer bereits seit den Siebzigern beschäftigt. In der neuen Serie steht das Lied „Under der linden“ im Mittelpunkt; die dort besungenen, gebrochenen Grashalme, ein Zeichen für die romantische Begegnung in der Natur, übersetzt Kiefer in üppige Vegetation und Ockertöne. Entstanden sind die massiven Kornfelddarstellungen in Südfrankreich. Die Oberfläche der Malerei ist dabei selbst pastose Landschaft geworden, wie etwa beim Kärntner Franz Grabmayr wühlt sich das Auge durch die üppige Farbmasse und stößt dabei auf Natur, Grashalme, Gestrüpp – assembliert mit der Sense, Gold oder Textfetzen. Trotz ihrer Monumentalität scheint Kiefer befreit von allzu schwerer Symbolik.

Einen ebenso unaufgeregten Zugang zur Fotografie enthüllt die Personale zu Friedl Kubelk­a vom Gröller im Museum der Moderne (MdMS) – ein besonderer Akzent im diesjährigen Festspielausstellungsprogramm. Kurator Jürgen Tabor, der vom Innsbrucker Taxis­palais ins MdMS (Sammlung Generali Foundation) wechselte, würdigt in „Das Ich im Spiegel des Anderen. Fotografien und Filme 1968–1996“ Kubelka als eine der bemerkenswertesten Künstlerinnen der vergangenen Jahrzehnte. Bezugspunkte gibt es mehrere – zur konzeptuellen Fotografie, zum Experimentalfilm oder zur feministischen Kunst.

Die in London geborene und später in Wien lebende Psychoanalytikerin erkundet mit der Kamera die Kraft des Porträts. In unzähligen Studien (von ihr betitelten „Tages-“ oder „Jahresporträts“) lichtet sie zuerst ihr eigenes Antlitz ab, protokolliert dann aber auch haargenau die Entwicklung ihres engsten Umfelds, etw­a ihrer Tochter Louise Anna oder ihrer Mutter Lore Bondy. Als Besucher findet man sich im Ausstellungsraum in einer schier endlosen Selfie-Sammlung wieder – sorgfältig aufgereiht und katalogisiert.

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In ihren Experimentalfilmen übersetzt Kubelka das Porträt ins Filmische. Durch die ständige Kamerapräsenz ändert sich aber auch die Atmosphäre, zu sehen im Porträt des Freundes „Graf Zokan“, Künstlerkollege Franz West. Als Filmemacherin nennt sich Kubelka, die in erster Ehe mit Filmemacher Peter Kubelka verheiratet ist, übrigens Friedl vom Gröller – nach ihrem zweiten Ehemann. Die Fotokünstlerin wird von der Filmemacherin strikt getrennt, die Kategorisierung in „Frau von“ ironisch gebrochen.

Eigentlich wollte das MdMS im Juni eine Personale zum britischen Star-Künstler Yinka Shonibare CBE eröffnen, der zur Landesausstellung anlässlich 100 Jahre Festspiele ein Werk realisiert hat. Corona zwang das Haus mit den Personalen zu Kubelka oder Wilhelm Thöny (bis 11.10.) zur Neubetrachtung der haus­eigenen Sammlung. Zwei empfehlenswerte Innenschauen.


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