Barockoper „L’empio punito“: Als die Musik den Wüstling traf

Alessandro Melanis „L’empio punito“ in der Reihe Barockoper:Jung der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

Wer mit wem, wer gegen wen? Die Amoretten auch wörtlich genommen als Drahtzieher, aber der die Gesellschaft aufmischt, Acrimante (Don Juan), ist nicht dabei.
© Birgit Gufler

Von Ursula Strohal

Innsbruck – „L’empio punito“, die 1669 in Rom uraufgeführte erste Oper der Sage über den mythischen Wüstling von Alessandro Melani, nimmt Fahrt auf. Folge der Wiederentdeckung des Dramma per musica 1986 waren eine Inszenierung in Stockholm und 2003 die Aufführung beim Leipziger Bachfest unter niemand Geringerem als Christoph Rousset. Dieser Tage erscheint ein CD-Mitschnitt einer Gemeinschaftsproduktion der Theater von Pisa und Melanis Heimat Pistoia vom Herbst 2019. Da hatten im Sommer die Teilnehmer am Innsbrucker Cesti-Wettbewerb bereits mit einem Arienreigen auf „L’empio punito“ aufmerksam gemacht, wie immer als Vorbereitung für die szenische Aufführung im Jahr darauf.

Intendant Alessandro De Marchi hatte also „L’empio punito“ („Der bestrafte Frevler“) für die Barockoper:Jung 2020 angesetzt, und tatsächlich kann das Juwel auch in diesem Festwochen-Sommer gezeigt werden, wenn auch Corona-bedingt im Haus der Musik statt nebenan im Innenhof der Theologie. Die Vorgabe für Regisseurin Silvia Paoli, Bühnenbildner Andrea Belli und Kostümgestalterin Valeria Donata Bettella galt ohnehin, technikbefreit Phantasie walten zu lassen.

Der Don Juan von 1669 mit der letztlichen Einsicht seiner Verfehlungen war noch nicht Mozarts Don Giovanni knapp 120 Jahre später, der nicht nur Frauenduft, sondern auch schon einen Hauch Aufklärung atmete. Melanis Librettist Acciaiuoli hielt sich im Wesentlichen an die Handlung, die das Schauspiel „Der Spötter von Sevilla“ von Tirso de Molino um 1619 vorgab, aber weil man in Rom war, übersiedelte die Erotomanie mit umbenannten Personen nach Mazedonien. Don Giovanni heißt nun Acrimante und mischt den Hof des Königs Atrace auf, dessen Schwester Ipomene (Donna Anna) liebt Cloridoro (Ottavio), die große Tragödin ist Atamira (Donna Elvira), der höfische Ratgeber Tidemo wird zum Steinernen Gast, als komisches Paar hält Bibi (Leporello) sich an die Amme Delfa.

Spätestens hier, im Spiel mit den zum Teil verschmelzenden Formen zwischen Rezitativ und Arie und im Einsatz prägender Instrumente über dem Continuo, ist die venezianische Oper nahe. In ihren Liebeswirren macht die Regisseurin die Figuren zu Marionetten, deren rote Schnüre in den Händen von Amoretten sich kreuzen. Die bunt gewürfelten Kostüme von Barock bis Tyrolensie und wildem Teufelszeug helfen bei der Einordnung. Melanis Komposition bleibt nah am Text, der von Komik bis zum Lamento reicht und ihm Anlass bietet, ein Füllhorn wunderschöner Musik aus Sinnlichkeit, Sehnsüchten und Pointe über die Figuren zu gießen. Mariangiola Martello bringt mit dem edel aufspielenden Barockorchester:Jung die Musik zum Leuchten.

Die jungen Darsteller bewähren sich bestens, führend die Sopranistinnen Theodora Raftis (Atamira) und Dioklea Hoxha (Ipomene), der schöne, lichte Mezzo von Nataliia Kukhar und der klangvolle Bassbariton von Lorenzo Barbieri (Bibi). Anna Hybiners nicht ganz ebenmäßiger Mezzosopran passt gut zu Acrimante, Andrew Munns Bass (Atrace) ist noch sehr jung, gut eingesetzt die Tenöre Joel Williams (Amme) und Juho Punkeri (Tidemo), in kleinen Rollen Ramiro Maturana und Rocco Lia.


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