"Still Here": Vom Verschwinden und Verzweifeln

In Vlad Feiers „Still Here“ sucht ein Vater nach seiner Tochter – und stößt an die Grenzen eines rassistischen Systems.

Michael Watson (Maurice McRae) ist auf der Suche nach seiner Tochter Monique.
© Kinostar

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Michael Watso­n ist verzweifelt. Seine 12-jährig­e Tochter Monique wird vermisst. Er klebt Vermissten-Plakate und bittet die Bewohner seiner gentrifizierten Brooklyne­r Nachbarschaft verzweifelt um Hilfe. Hier manifestieren sich die Klassenunterschiede auch in der Hautfarbe der New Yorker. Die Polizei legt bei der Suche nach dem afroamerikanischen Mädchen wenig Motivation an den Tag. Erst als der weiße Journalist Christian (Johnny Whitworth) eine Story wittert und zu recherchieren anfängt, kommt Bewegung in den Fall.

Der 36-jährige Regisseur Vlad Feier zeichnet in seinem kleinen, aber feinen Drama „Still Here“ einen Kriminalfall nach. Er beginnt erst einige Tage nach dem Verschwinden des Mädchens. Sein Fokus liegt ebenso sehr auf der Verletzlichkeit der Figuren wie auf den Ermittlungen. Auch der arrogante, Kaugummi kauende Journalist wird nie zum weißen Retter des schwarzen Mädchens. Ganz nebenbei verhandelt der Film in knappen 90 Minuten die gerade wieder brandaktuellen Rassismus-Konflikte in den USA.

„Still Here“ verliert sich dabei nicht in langsamem Pathos und bedient sich nur ansatzweise der üblichen Klischees, etwa im Fall von allzu einfach gestrickten Polizisten. Auch die Vaterfigur ist dank Darsteller Maurice McRae glaubhaft, dessen wohldosiertes Voice-Over und innere Monologe ehrliche Emotionen vermitteln. Die gebürtige Berlinerin Zazie Beetz („Joker“, „Deadpool 2“) hat einen entscheidenden Kurzauftritt.

„Still Here“ ist auch ein großartiger New-York-Film, der seine Handlung in den afroamerikanischen Plattenbauten abseits des glitzernden Manhattan verortet. „Ich habe mich für New York entschieden, weil es eine Stadt ist, die auch den Stärksten auf die Knie zwingen kann, bis nur noch die Essenz des Charakters übrig bleibt, während sie gleichzeitig auch eine Gutmütigkeit ausstrahlt.“

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Mit ausgesprochen souveräner Kamera und großartiger asynchroner Schnitt-Arbeit treibt der Film die Schlüsselmomente der „von wahren Ereignissen inspirierten“ Geschichte geschickt an. Das Ergebnis ist ein ebenso spannender wie ernsthafter Film.

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