Kein Weg zurück: Palfrader schließt Kuhn-Comeback in Erl aus

Gustav Kuhn könnte sich vorstellen, zu den Festspielen Erl zurückzukehren. Das sagte er in einem Interview zu seinem 75. Geburtstag. Aus der Politik kommen völlig gegensätzliche Signale.

Bild mit Symbolcharakter. Gustav Kuhn und Landesrätin Palfrader haben sich wenig zu sagen. (Archivaufnahme)
© Murauer

Erl – Gustav Kuhn, Gründer und langjähriger Intendant der Tiroler Festspiele Erl, kann sich eine Rückkehr zu den Festspielen vorstellen. „Man muss schauen, was möglich ist und wie man das sinnvoll hinbekommen könnte“, sagte der bald 75-Jährige im Gespräch mit der Austria Presse Agentu­r.

Kulturlandesrätin und Vorstandsmitglied der Erler Festspielstiftung Beate Palfrader (ÖVP) schließt eine Rückkehr des Dirigenten auf TT-Nachfrage aus. Auch die Tiroler Grünen erteilen dem angedachten Comeback eine Absage. Das sei „nicht einmal einen Gedanken wert“, so Kultursprecher Geor­g Kaltschmid. Kuhns jüngste Aussagen seien „erschreckend uneinsichtig“ und „durchzogen von strukturellem Sexismus“, ergänzt die grüne Gleichstellungs­sprecherin Stephanie Jicha.

Im APA-Interview (siehe unten) mutmaßt Gustav Kuhn, er habe vielleicht als Symbol für die #MeToo-Bewegung herhalten müssen. Jicha ortet in solchen Einlassungen „nach wie vor durchklingende Opfer-Täter-Umkehr“.

Im Juni 2018 veröffentlichten fünf ehemals in Erl engagierte Künstlerinnen einen offenen Brief, in dem sie Kuhn sexueller Übergriffe beschuldigten. Davor hatte der Blogger Markus Wilhelm anonymisierte Anschuldigungen gegen Kuhn online gestellt.

Die Gleichbehandlungskommission des Bundes bestätigte die Vorwürfe. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen den ehemaligen Intendanten wurde inzwischen eingestellt. Seine Funktionen in Erl hat Kuhn im Herbst 2018 zurückgelegt. Sein damals noch designierter Nachfolger, Bernd Loebe, kündigte wenig später an, dass der Dirigent während seiner Festspiel-Intendanz in Erl keine Rolle mehr spielen werde. (jole, APA)

Gustav Kuhn: "Warum habt ihr das gemacht?"

Herr Kuhn, zunächst zu ihrer persönlichen Causa Prima der vergangenen beiden Jahre: Die Staatsanwaltschaft attestierte ihnen zwar quasi eine "reine Weste". Gibt es aber – besonders für öffentliche Personen wie Sie – nicht auch eine ethisch-moralische Verantwortung?

Gustav Kuhn: Da haben Sie schon recht. Ich war sehr unglücklich durch diese ganze Geschichte, weil ich nicht der Typ Mann bin, der Frauen blöd anmacht. Wenn sich einige Frauen durch mein Annähern beleidigt und gekränkt gefühlt haben, dann entschuldige ich mich. Ich wollte nie jemanden beleidigen oder kränken. Hinzu kommt, dass ich sehr gut strukturiert bin für blöde Bemerkungen. Ich bin nicht der Typ, der zarte Worte ergreift in der Arbeit. Zu Frauen und Männern. Vor 20 Jahren hab ich noch gesagt: 'Jetzt watschel nicht so blöd wie eine schwangere Ente über die Bühne'. Das würde ich heutzutage nicht mehr sagen. Die Zeiten haben sich geändert.

Also haben Sie quasi Ihrer Meinung nach falsch verstandene Anmache plus Machosprüche zu Fall gebracht?

Kuhn: Salopp formuliert kann man das so sagen.

Was bleibt, ist aber auch eine durch die Gleichbehandlungskommission festgestellte sexuelle Belästigung.

Kuhn: Die ist zum Schluss gekommen, dass sich der Kuhn moralisch falsch verhalten hat. Doch der angebliche Kuss auf die Brust hat nie stattgefunden. Eine unsittliche Berührung hat nie stattgefunden. Zudem wurden alle von mir benannten Zeuginnen nicht vernommen.

Das heißt, Ihrer Meinung nach war alles erstunken und erlogen?

Kuhn: Erstunken und erlogen – das kann man so nicht sagen. Dass es zu Handgreiflichkeiten und sexuellen Übergriffen gekommen ist, war erstunken und erlogen. Das hat auch die Staatsanwaltschaft eindeutig festgestellt: keine Gewalt, keine Drohungen. Wie sehr sich einige gedacht haben, wenn ich mit dem nicht Abendessen gehe und mich zugeknöpft zeige, dann habe ich weniger Chancen engagiert zu werden, kann ich nicht beurteilen. So war es jedenfalls nie gedacht. Was deren Kalkül war, kann ich nicht sagen. Rachegelüste, Geld, politisches Kalkül. Meine persönliche Art, die manchem unerträglich erscheinen mag. Die Wortführerin hat mir jedenfalls Monate zuvor noch einen Brief geschrieben: Ich sei der Größte, Beste und Liebste. Monate später war ich der Widerling schlechthin - obwohl wir uns gar nicht getroffen haben. Vielleicht musste ich als Symbol für die MeToo-Bewegung herhalten. Dabei habe ich überhaupt nichts gegen diese. Ich fand die Nicht-Gleichberechtigung von Frauen immer katastrophal. Hätte Alice Schwarzer nicht die 'Emma' gegründet, hätte ich sie gegründet.

Sie könnten den Künstlerinnen ja anbieten, sich mit Ihnen zu einer Aussprache zu treffen. Würden Sie das tun?

Kuhn: Ich will mit den Damen nichts mehr zu tun haben. Ich wüsste nicht, was ich ihnen zu sagen habe. Höchstens: 'Warum habt ihr das gemacht?'

Streben Sie ein Comeback als Dirigent in Erl an? Würden Sie es wollen?

Kuhn : Ich sage auf keinen Fall: Das ist grauenhaft, nie mehr wieder. Ich habe nach wie vor viel Zuspruch - sei es vom Publikum oder vom Orchester. Und von allen Mitwirkenden. Man muss schauen, was möglich ist und wie man das sinnvoll hinbekommen könnte. Ob es das Publikum will, die Sänger, der Präsident. Aber wenn nicht, wär ich auch glücklich.

Wodurch haben Sie einen größeren Schaden davongetragen – durch die Causa Erl oder durch Corona?

Kuhn: Durch Corona, ganz klar. Der Schaden im gesamten Kulturbereich ist unglaublich. Fast noch größer als im Tourismus. Auch ich muss mich einschränken. Andererseits trifft es keinen ganz Armen. Ich habe 50 Jahre lang dirigiert, beispielsweise an allen großen italienischen Opernhäusern. Ich konnte ein bisschen Geld sammeln. Außerdem bin ich mit Hans Peter Haselsteiner befreundet. Sollte es ans Verhungern gehen, würde er mir helfen. Aber bei meiner Statur würde das noch einige Monate dauern.

Wie haben Sie die Hochphase der Coronapandemie erlebt?

Kuhn: In der Toskana, wo ich zeitweise war, war alles sehr aufgeregt. Teils war ich auch in Erl, wo ich ja ein Haus besitze. Generell bin ich unglücklich darüber, dass in dieser ganzen Thematik Gegensätze von wissenschaftlichen Spitzenleuten knallhart aufeinanderprallen. Warum bringt man diese Spitzenleute nicht zusammen und lässt sie diskutieren, um die Wahrheit herauszufinden? Die Menschen haben die Gabe, die Wahrheit nicht herausfinden zu wollen. Die Presse sollte die Kraft sein, die die Wahrheit sucht. Es fehlt mir an der aufrichtigen Wahrheitssuche. Es fehlt die Ausgewogenheit in der öffentlichen Debatte. In vielen gesellschaftlichen Bereichen, nicht nur was Corona betrifft. Ein Nobelpreisträger wie der französische Virologe Luc Montagnier wird wegen kontroverser Meinungen zum 'Covidioten' gestempelt. Nur weil man sich nicht dem Mainstream gefügig zeigt, ist man noch lange kein 'Covidiot'.

Wie lautet denn Ihre Privatmeinung dazu, die hier etwas durchzuschimmern scheint?

Kuhn: Ich erlaube mir hier nicht, eine Privatmeinung zu haben. Ich kenne mich zu wenig aus, schlicht und einfach. Ich kann Ihnen zum Beispiel sagen, weshalb ich Karajan gut finde. Aber in der Virologie ist meine Grenze erreicht.

Hat es Momente in Ihrem Leben gegeben, in denen Sie sich gesagt haben: Jetzt bin ich ganz oben und jetzt ganz unten? Und sei es gefühlt?

Kuhn: Ich habe mich eigentlich nie ganz oben gefühlt. Schwierig war, als Karajan mich zu früh zu den Berliner Philharmonikern geschickt hat. Das ist nicht so toll gelaufen, wie ich es mir gedacht habe. Aber das Leben war eigentlich immer gut zu mir. Und ich bete, dass es so weitergeht.

Die Causa Erl war kein Tiefpunkt? Auch vom gesellschaftlichen Ansehen her?

Kuhn: Ich nehme mich da nicht so wichtig. Wenn es meinen Kindern beispielsweise schlecht gehen würde, würde mich das treffen. Und ich weiß ja, was ich gemacht und was ich nicht gemacht habe. Ich habe im Leben nicht immer alles richtig gemacht, aber ich habe mich bemüht, die Wahrheit in der Musik und im Leben zu finden.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade? Wie schaut die Zukunft des Gustav Kuhn aus?

Kuhn: Ich arbeite gerade an einem sehr anspruchsvollen Projekt: Mein Freund Raoul Schrott, ein sehr innovativer Dichter und Übersetzer, hat vom griechischen Dichter Euripides die Tragödien "Elektra" und "Orestes" zu einem Stück zusammengezogen. Zu diesem Text komponiere ich. Das habe ich seit vier Jahren in Auftrag und es wird sicher noch ein Jahr dauern. Daneben habe ich nicht viel Zeit, anderes zu tun. Zuletzt habe ich aber beispielsweise in der Arena von Verona das erste dortige Wagner-Konzert dirigiert. Also wenn solche unglaublichen Angebote kommen, sage ich nicht nein.


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