Regisseur Adrian Goiginger: „Den Druck mach’ ich mir selbst“

Adrian Goigingers Debütfilm „Die beste aller Welten“ wurde vielfach ausgezeichnet. Derzeit dreht der Regisseur in Tirol seinen zweiten Kinofilm „Märzengrund“ nach Felix Mitterers gleichnamigem Stück. Die TT hat mit ihm darüber gesprochen.

Regisseur Adrian Goiginger
© Polyfilm

Seit Anfang August drehen Sie im Zillertal und im Sellrain den Kinofilm „Märzengrund“. Läuft alles wie geplant?

Adrian Goiginger: Es läuft gut. Die Szenen mit Johannes Krisch als altem Elias haben wir abgedreht. Wir haben gewissermaßen mit dem Ende der Geschichte begonnen. Jetzt drehen wir Szenen, die in den 1960er-Jahren spielen. Einmal haben wir den Dreh wegen eines heranziehenden Gewitters abbrechen müssen. Da geht die Sicherheit vor. Wenn die Bergführer, mit denen wir arbeiten, sagen, da braut sich was zusammen, brechen wir ab.

Haben die Corona-Sicherheitsauflagen die Arbeit am Set verändert?

Goiginger: An manches muss man sich gewöhnen, an die Masken auf der Fahrt zum Drehort zum Beispiel. Und natürlich sitzen wir weniger zusammen, als man das sonst machen würde. Das ganze Team wird regelmäßig getestet. Das ist vor allem für die Darsteller wichtig. Sie können frei spielen – und müssen wenigstens vor der Kamera nicht ans Abstandhalten denken.

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Regisseur Adrian Goiginger mit den Schauspielern Johannes Krisch und Carmen Gratl bei der Arbeit an „Märzengrund“.
© Metafilm

Neben bekannten Schauspielern wie Johannes Krisch, Gerti Drassl oder Harald Windisch spielen in „Märzengrund“ auch Nachwuchsdarsteller große Parts. Muss man mit denen anders arbeiten?

Goiginger: Wenn man mit Kindern oder Jugendlichen arbeitet, braucht es mehr Vorbereitungszeit. Jakob Mader, der in „Märzengrund“ den jungen Elias spielt, hat sich gut drei Monate auf den Dreh vorbereitet. Zwei Monate davon hat er auf einem Bergbauernhof gelebt, um das Leben dort kennen zu lernen, sich einzufühlen und sich der Sprache anzunähern. Ich habe ihn regelmäßig besucht und intensiv mit ihm geprobt.

Der Film basiert auf einem Stück von Felix Mitterer. Was hat Sie daran gereizt?

Goiginger: Der Produzent Michael Cencig hat sich die Filmrechte gesichert, nachdem er das Stück beim Festival „stummer schrei“ gesehen hat. Er hat mir den Stoff angeboten. Ich habe das Stück gelesen und war berührt – und beeindruckt.

Es erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich vor der Zivilisation in die Einsamkeit der Berge flüchtet.

Goiginger: Es erzählt viel mehr. Es geht um einen jungen Menschen, der ein gemachtes Leben aufgibt. Gemessen an heutigen Maßstäben wäre Elias ein Millionenerbe gewesen. Er hätte alles haben können und noch mehr. Und hat gesagt: Das interessiert mich nicht, ich lebe mein Leben so, wie ich es will. Das war in den 1960er-Jahren, in der Wirtschaftswunderzeit. Elias wurde als Spinner verkannt. Dabei war er auch ein Vorreiter. Heute, wo wir wissen, welche Folgen Turbokapitalismus und die Abhängigkeit von permanentem Wachstum haben können, wissen wir auch, dass er in vielen Punkten alles andere als falsch lag.

Wie war die Zusammenarbeit mit Mitterer?

Goiginger: Ich habe erst spät herausgefunden, dass „Märzengrund“ Mitterers erster Kinofilm ist. Er hat zahllose Fernsehfilme geschrieben, aber nie fürs Kino. Trotzdem ist er vom Fach. Er weiß, dass im Film anders erzählt wird als auf der Bühne, visueller und mit weniger Dialog. Felix hat jede meiner Drehbuchfassungen gelesen und mir seine Meinung dazu gesagt. Zunächst war ich nervös: Ich bin mit der „Piefke Saga“ aufgewachsen – und er hätte sagen können: „Was will der Bub von mir?“ Ich hatte das Glück, dass er „Die beste aller Welten“ sehr mochte – und es daher von Anfang an großes Vertrauen gab. Wir sind zu Beginn der Arbeit gemeinsam zu den Schauplätzen der Geschichte gegangen. Es ist ja noch alles da. Wie in einer Zeitkapsel.

Haben Sie mit Menschen gesprochen, die den echten Einsiedler kannten?

Goiginger: Ich bin Ende Mai ins Zillertal gezogen, habe mit vielen Leuten gesprochen und vor Ort recherchiert. Ich bin mit dem bäuerlichen Leben vertraut. Aber ich muss schon sagen: Tirol und das Zillertal sind noch einmal etwas anderes. Auch anders als der Pinzgau, wo ich herkomme. Inzwischen wurde ich sogar zum Stammtisch nach Ried eingeladen.

Wenn einem das als Zugereistem gelingt, hat man es geschafft.

Goiginger: Heinz Tipposch, der den Elias in Stumm auf der Bühne spielte, hat mich da eingeschleust. Er hat mir überhaupt sehr geholfen. Aber es gab nicht nur positive Begegnungen, sondern auch Misstrauen: die Sorge, dass da einer kommt, der das Tal schlechtmachen will. Vielleicht sogar ein Wiener. Dabei kommt nur mein Leihauto aus Wien. Es galt auch die zu überzeugen, dass wir gekommen sind, um eine berührende Geschichte zu erzählen, und alles so zeigen wollen, wie wir denken, dass es sich zugetragen hat.

„Märzengrund“ ist Ihr zweiter Spielfilm. Ihr Debüt wurde vielfach ausgezeichnet. Spüren Sie Erwartungsdruck?

Goiginger: Ich sehe den Erfolg meines ersten Films eher als Startvorteil für den zweiten. Die Leute wissen, dass mir bereits ein recht anständiger Film gelungen ist (lacht). Den einzigen Druck, den ich spüre, mache ich mir selbst. Mein Anspruch an mich selbst ist so groß, wie er bei „Die beste aller Welten“ war: Ich will den bestmöglichen Film machen.

„Die beste aller Welten“ ist visuell von großem Selbstbewusstsein geprägt. Wie soll „Märzengrund“ ausschauen?

Goiginger: Die Reise des Protagonisten soll sich auch durch die Bildsprache ausdrücken. Das war für meine beiden Kameramänner , Paul Sprinz und Klemens Hufnagl, und mich von Anfang an klar. Wir beginnen in der Enge des Tales und mit jedem Schritt hinauf wird das Bild weiter, lösgelöster, freier. Und zum Ende hin zieht sich alles wieder zusammen.

Sie drehen noch bis Anfang September in Tirol – und kommen dann für die Winterszenen zurück.

Goiginger: Ja. Das hängt stark von der Schneelage ab, schließlich wollen wir auch einen Lawinenabgang nachstellen. Aber den Gedanken daran versuche ich derzeit eher wegzuschieben, weil in den nächsten Tagen noch herausfordernde Szenen anstehen.

Zum Beispiel?

Goiginger: Wir drehen einen Almabtrieb mit wichtigen Dialogszenen und mindestens 25 Kühen. Die Arbeit mit Tieren ist immer schwierig, weil man nie wirklich weiß, was sie machen. Bisher haben wir mit einem Falken, mit Fischen und mit Ziegen gedreht. Und dabei ist alles glatt gelaufen. Ich bin also optimistisch, dass es auch mit den Kühen klappen wird.

Das Gespräch führte Joachim Leitner

Zur Person

Adrian Goiginger, geboren 1991 in Salzburg, ist Regisseur und Drehbuchautor. Sein Spielfilm „Die beste aller Welten“ wurde bei der Berlinale 2017 ausgezeichnet. 2018 gewann er den Österreichischen Filmpreis.


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