Frühstart für 2000 Kinder in Tirol: Das erste Mal in die Sommerschule

In Tirol besuchen ab morgen mehr als 2000 Kinder und Jugendliche die Sommerschule. 80 Lehrer und 130 Studenten sind im Einsatz.

Für 2000 Tiroler Kinder und Jugendliche beginnt die Schule schon zwei Wochen früher: Sie besuchen die wegen der Corona-Krise organisierte Sommerschule.
© iStock

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Zwei Wochen vor Schulbeginn startet nun auch in den westlichen Bundesländern die in Folge der Corona-Krise ins Leben gerufene Sommerschule. Rund 1115 Volksschüler und 900 Kinder und Jugendliche der Neuen Mittelschulen und AHS-Unterstufen haben sich in Tirol angemeldet – „mehr, als wir gedacht hätten“, wie Martin Fritz von der Bildungsdirektion sagt.

Das Angebot richtet sich an so genannte „außerordentliche Schüler“, die eine Deutschförderklasse besucht haben, aber auch an alle anderen, die in dem Fach größere Schwierigkeiten haben: Schüler mit einem nicht abgesicherten Genügend und einem Nicht genügend in Deutsch, die wegen der speziellen Situation in den vergangenen Monaten einen besonderen Aufholbedarf haben. Die Bildungsdirektion schätzt die Anzahl der Kinder in dieser Zielgruppe auf rund 2200. Fritz: „Davon haben sich rund 90 Prozent angemeldet, das ist ein sehr hoher Wert und zeugt von großem Interesse, sich auch in den Ferien verbessern zu wollen.“

Alle Pädagogen haben sich freiwillig gemeldet, in ihren Hauptferien zu unterrichten.
Martin Fritz 
(Bildungsdirektion)

Die Schüler werden auf insgesamt 150 Kleingruppen in Schulen in allen Bezirken verteilt – die meisten davon in Innsbruck und Kufstein. Mit der Teilnahmebestätigung erhalten sie ein Freifahrtticket, wenn es von der Stammschule zum Sommerschul-Standort ein öffentliches Verkehrsmittel gibt. Für die anderen – für rund 50 Kinder ist das nötig – wurde ein Gelegenheitsverkehr eingerichtet, der sie zu den Unterrichtsräumen bringen soll.

In Tirol sind 80 Lehrpersonen im Einsatz, die von 130 Lehramtsstudierenden unterstützt werden. „Sie sind in ihrem Studium weiter fortgeschritten, mindestens aber im vierten Semester, heißt es aus der Bildungsdirektion. Sie arbeiten freiwillig und unentgeltlich. Dazu kommen „Buddies“ – Jugendliche aus höheren Jahrgängen, 18 haben sich gemeldet. Die pädagogische Arbeit liegt jedoch ausschließlich bei den Lehrpersonen. Alle wurden entsprechend vorbereitet – die Studierenden in Lehrveranstaltungen an der Uni oder den Pädagogischen Hochschulen Innsbruck und Stams.

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Schule in Zahlen

Alle gleichzeitig: Das kommende Schuljahr beginnt am Montag, 14. September 2020. Die Herbstferien dauern von 26. Oktober bis einschließlich Allerseelen am 2. November.

Zum ersten Mal Schule: Rund 7820 Kinder besuchen im Herbst eine Vorschule oder die 1. Klasse Volksschule.

Schülerzahlen: Rund 30.000 Kinder gehen in Tirol zur Volksschule, etwa 20.000 in die Neue Mittelschule, die im neuen Schuljahr nur noch Mittelschule heißen wird. Rund 15.000 besuchen eine AHS, 4500 eine HTL und etwa 11.500 eine von den Tiroler Fachberufsschulen. Lehranstalten für wirtschaftliche Berufe und Tourismus: 4700, HAK und HAS: 3800, Bildungsanstalten für Elementarpädagogik: 1200.

In zwei Wochen beginnt die Schule in Tirol wieder.
© iStockphoto

Während die Volksschullehrer alle dafür ausgebildet sind, Deutsch zu unterrichten, werden die älteren Schüler von Pädagogen mit Lehramt Deutsch oder einer Fremdsprache betreut, Rund 90 Prozent der Studierenden, die im Einsatz sind, studieren Deutsch. Die Kritik, dass es zusätzlich Experten für Sprachförderung brauche, lässt man bei der Bildungsdirektion nicht gelten: „Viele der an der Sommerschule unterrichtenden Lehrpersonen verfügen über eine zusätzliche Ausbildung im Bereich der Sprachförderung oder über Erfahrungen im Unterricht mit Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache. In der Ausbildung der Studierenden ist das Thema Sprachförderung ebenfalls vorgesehen.“

Auf Kritik stößt auch die Dauer: Zwei Wochen sind viel zu kurz, sagen Bildungsexperten. Mit ihrer Erfahrung und ihrem „großen Engagement“ wollen die Pädagogen, die sich ausnahmslos freiwillig gemeldet hätten, um in ihren Hauptferien zu unterrichten, „ein optimales Maß an Förderung erreichen“, heißt es dazu aus der Bildungsdirektion. Der Unterricht richtet sich nach einem dafür entwickelten Leitfaden des Bildungsministeriums. Die Schüler arbeiten gemeinsam an Projekten, haben damit ein greifbares und motivierendes Ergebnis und sollen so nicht nur ihre sprachlichen Kompetenzen ausbauen, sondern auch ihre sozialen Kompetenzen.

Die Leistungen im Rahmen der Sommerschule fließen in die Deutsch-Note des kommenden Schuljahres ein. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, wer sich aber angemeldet hat, ist verpflichtet, auch wirklich am Unterricht teilzunehmen.

Pädagoge Michael Schratz.
© Schratz

Jahrhundertchance in der Krise – 5 Fragen an Michael Schratz

Der Erziehungswissenschafter Michael Schratz war Professor an der Uni Innsbruck. Als Gründungsdekan der School of Education engagierte er sich in der Reform der Lehrerbildung, als wissenschaftlicher Leiter der österreichweiten Leadership Academy hat er über 3000 Führungspersonen im Bildungswesen in Prozesse entstehender Zukunft eingeführt.

1. Als Kritiker des heimischen Schulsystems und Leiter vieler Bildungsprojekte haben Sie sich schon viele Gedanken gemacht, wie Schule funktionieren sollte. Was fehlt?

Es fehlt die Kontinuität von Strategien und Maßnahmen. Nur ein Beispiel: An Volksschulen wurde von Lehrpersonen engagiert daran gearbeitet, dass Kinder nicht nur auf „gute Noten“ hinlernen. Die persönlichen Schülerleistungen wurden durch ausführliche verbale Beurteilungen gewürdigt. Nun wurde wieder flächendeckend die Benotung mit Ziffernnoten eingeführt. Wir wissen schon lange, dass es keine zentralen Lösungen für lokale Probleme gibt, aber offensichtlich wird den Akteuren vor Ort wenig zugetraut oder vertraut. Erfolgreiche Schulsysteme zeichnen sich durch eine Vertrauenskultur aus. Erfolgreiche Bildungssysteme benötigen starke Schulen und Verantwortungsübernahme vor Ort!

2. Was ging Corona-bedingt im vergangenen Schuljahr zusätzlich verloren?

Verloren gingen jene Schülerinnen und Schüler, die von den Lehrpersonen trotz vielfältiger Bemühungen nicht erreicht wurden. Durch die Distanz sind Phänomene sichtbar geworden, die im Bildungssystem bisher nicht wahrgenommen oder vernachlässigt wurden. Hier sehe ich eine Jahrhundertchance, das Schulsystem im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit neu zu organisieren. Die meisten Unterrichtskonzepte sind den gegenwärtigen Herausforderungen im gesellschaftlichen Leben nicht mehr gewachsen. Wir sollten nicht nur pandemiebedingt die Klassenzimmer, sondern generell die bisherigen Routinen öfters durchlüften.

3. Was kann die Sommerschule ausrichten?

Unser Systemblick ist zu stark auf Defizite ausgerichtet, führt zur Fehlersuche und Beschämung, unter der viele junge Menschen in der Schule leiden. Daher soll die Sommerschule nicht als „Nachhilfeunterricht“ gesehen werden, sondern den Schülerinnen und Schülern Mut machen und ihre Resilienz stärken. Dabei gilt es die Chance zu nutzen, gemeinsam mit ihnen neue Lernformen zu erkunden und in den Schulalltag hineinzutragen. Schulreform von unten sozusagen. Die Zusammenarbeit von Lehrpersonen mit Lehramtsstudierenden bietet dazu neue Möglichkeiten, wenn man sie nutzt!

4. Sollten in der Sommerschule mehrere Fächer unterrichtet werden?

Für den Erwerb und die Pflege der deutschen Sprache ist der sprachsensible Unterricht in allen Fächern erforderlich. Eine Beschränkung auf die so genannten Hauptfächer ist problematisch, da die Anwendung im Alltag nicht auf Unterrichtsfächer bezogen ist. Es bedarf fächerübergreifender Kompetenzen. Im Zeitalter der Suchmaschinen ist isoliertes Wissen jederzeit abrufbar, deshalb ist das Wissen um Zusammenhänge für das Verstehen von und in der Welt immer wichtiger.

5. Sie haben weltweit mehr als 100 Schulen besucht. Wie schneidet Österreich im Vergleich ab?

Es gibt nicht „die österreichischen Schulen“, sondern hervorragende und weniger erfolgreiche – quer durch alle Schulformen. Was ausländische Besucher irritiert, sind wiederkehrend zwei strukturelle Eigenheiten unseres Schulsystems: Einerseits die frühe Trennung nach dem vierten Schuljahr in Gymnasium und Neue Mittelschule. Andererseits die geringe Zahl an ganztägigen Schulformen. In diesen Bereichen würde das österreichische Schulsystem stark in den Negativbereich rücken. Dass Österreich zwar sehr viel investiert, aber nur durchschnittliche Leistungen produziert, erfahren wir aus den regelmäßig von der OECD erhobenen Daten. Aus meiner Sicht haben wir mehr Potenzial, das es – im wahrsten Sinne des Wortes – zu entfesseln gilt.

Das Interview führte Michaela S. Paulmichl

Neues Schuljahr bereitet Sorgen

Zukunftsängste der Jungen – verstärkt durch Corona – geben Schulpsychologen zu denken. „Viele haben Sorge, dass sie keine Ausbildung oder Arbeit finden, und viele haben Angst vor einem neuerlichen Lockdown und Verlust der sozialen Kontakte. Das war für viele nicht einfach“, sagt Brigitte Thöny, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie in der Tiroler Bildungsdirektion. Ab Mitte März hatten die Schulpsychologen vermehrt mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die unter Ängsten und Depressionen litten.

Nach der Phase des Homeschoolings zeichnet sich ab, dass sich im Hinblick auf das neue Schuljahr Schüler und Eltern Sorgen machen, nicht gut mitzukommen. Das verursacht zusätzlichen Stress. Thöny: „Da alle Beteiligten – also auch die Lehrpersonen – wissen, dass in diesem Herbst andere Voraussetzungen gelten als sonst, ist zu erwarten, dass die Anforderungen den Umständen angepasst werden.“ Sie rät, dass sich die Schüler vor Schulbeginn wieder täglich mit dem Schulstoff beschäftigen.

In Tirol gibt es zehn Schulpsychologische Beratungsstellen mit 20 Schulpsychologen, zusätzlich sind zehn Mitarbeiter des Mobilen Interkulturellen Teams im Einsatz. Beratung und Diagnose sind kostenlos und vertraulich. (ms)


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