Bachs „Goldberg-Variationen" in Wien: Pirouetten am Klang-Wasserfall

Glanzvolle Eröffnung der „Corona“-Version der Wiener Festwochen mit Anne Teresa De Keersmaekers Bach-Tanzsolo.

Zwiegespräch von Klang und Körper: Die unendlich präzise Anne Teresa De Keersmaeker im Dialog mit Bachs „Goldberg-Variationen“.
© Anne Van Aerschot

Von Bernadette Lietzow

Wien – Maskenpflicht, bis man seinen personalisierten Sitzplatz erreicht hat, und das Prinzip der Schachbrettbestuhlung: Was die Salzburger Festspiele vorexerziert haben, gilt nun auch bei den Wiener Festwochen 2020, die „reframed“, als „komprimierte Liveversion“ des ursprünglichen Programms bis 26. September 13 Produktionen zwischen Theater, Musik, Tanz und Performance zeigen.

Den französischen Künstler Philippe Quesne, die kapverdische Choreografin Marlene Monteiro Freitas, die Theatermacher Boris Nikitin und Susanne Kennedy oder den aus Osttirol stammenden Komponisten Bernhard Gander hat Intendant Christophe Slagmuylder eingeladen, den (kunst-)feindlichen Bedingungen des Virus zu trotzen und „der Theaterbühne (…) den ganzen Wert zurückzugeben“.

Eigentlich sollten die diesjährigen Festwochen erstmals die alleinige Handschrift des künstlerischen Leiters zeigen, war Slagmuylder doch im Vorjahr noch dazu gezwungen, einige Projekte seines glücklosen Vorgängers Tomas Zierhofer-Kin zu übernehmen. Ein Teil der geplanten 50 Produktionen wird nun in das Jahr 2021 verschoben und mit den „Gesten“ – mit Texten, Videos und Bildern von Künstlerinnen und Künstlern der heurigen Ausgabe – konnte der erste Teil der Pandemie-gebeutelten „Festwochen reframed“ digital verwirklicht werden.

Guten Mutes und mit einer strahlenden „Weltpremiere“ wurde nun am vergangenen Mittwoch auf die „reale“ Bühne gewechselt. In der nach Vorschrift bezüglich des Platzangebots ausgedünnten Halle E des Wiener Museumsquartiers stellte die belgische Tanz-Legende Anne Teresa De Keersmaeker die neueste ihrer seltenen Solo-Schöpfungen vor.

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Es ist kein Geheimnis, dass die stilbildende Künstlerin den von ihr, oft genug in fruchtbarem Miteinander mit ihrer Compagnie Rosas, geschaffenen Bewegungskanon in den Dienst der Musik Johann Sebastian Bachs stellte. Für ihre fünfte Begegnung mit dem Komponisten, an ihrer Seite nur der junge Pianist Pawel Kolesnikov, wählte sie mit den „Goldberg Variationen“ (BWV 988) ein Stück, das man nur hören und nicht wirklich beschreiben sollte.

So scheint es sich auch mit den Tanzschritten, den Drehungen, dem Vorwärts- und Rückwärtsgehen und -laufen zu verhalten, die Keersmaeker in 120 packenden Minuten gleichsam intuitiv zu Bachs „Aria mit Variationen“ entwirft. Sie „illustriert“ die Musik nicht, versucht weder interpretatorische Annäherung noch „Erklärung“: Was sie vorstellt, ist eine Art Zwiegespräch zwischen Körper und Klang – humorvoll, zum Erzählen aufgelegt, nachdenklich, still oder vergnügt. Große Kunst ist, wie die unendlich präzise Künstlerin ihre choreografischen Muster, die eigenen Vorgaben, so verinnerlicht, dass ihre Performance wie zufällig wirkt.

Kongenial ist das Zusammenwirken mit Pavel Kolesnikov: Der 1989 geborene russische Klaviervirtuose, der zuletzt mit einer atemberaubenden Aufnahme von Chopin-Mazurkas Aufsehen erregte, tritt an den Tasten des Instruments in einen ähnlich selbstbewussten Dialog mit Bachs Werk wie Keersmaeker, schafft es dabei aber, nicht „Begleitung“ zu sein, sondern eine weitere Dimension zu eröffnen. Beglückend!


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