Christina Hesselholdts „Vivian": Berühmte Unbekannte neu entdeckt

Vivian Maier neu entdeckt: Der Roman „Vivian“ von Christina Hesselholdt fiktionalisiert die Biografie der Fotografin.

Vivian Maier ist weiterhin ein Phänomen: Bereits „Finding Vivian Maier“ (2013) war der Fotografin auf der Spur. Der Roman spinnt die Wirklichkeit weiter.
© Polyfilm

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Als sie 2009 stirbt, ist sie eine vereinsamte, arme Frau. Welcher Schatz sich damals in ihrer Wohnung verbarg, konnte zunächst niemand erahnen. Bis John Maloof, Regisseur, Buchautor und Vorsitzender eines Geschichtsvereins, bei einer Aktion einen Karton Negative ersteigerte. Er erhoffte sich davon historisches Bildmaterial für ein Buch. Als unbrauchbar für sein Projekt stufte Maloof die Motive ein, losgelassen hat ihn das, was er auf den Fotos sah, allerdings nie mehr. Eine schwierige Suche nach der bisher namenlosen, unbekannten Fotografin beginnt. Und die Kamera dokumentiert die Schnitzeljagd.

Sogar eine Oscarnominierung sahnte Maloof mit seinem Film „Finding Vivian Maier“ (2013) ab, derart fesselnd setzte er Interviews mit ehemaligen Bekannten und Arbeitgebern der Hobby­fotografin zu einem großen Bild zusammen. 40 Jahre lang war Vivian Maier Kindermädchen, arbeitete für unterschiedliche Familie­n. Und fotografierte geradezu obsessiv, ohne Kamera ging Maier nicht aus dem Haus. An die 200.000 nie gezeigte und größtenteils gar nie entwickelte Abbildungen entstanden in ihrem Leben. Der Ruhm kam posthum – neben dem Film in Ausstellungen und Publikationen. Heute zählt Vivian Maier zu den wichtigsten Vertretern der Street Photography des 20. Jahrhunderts.

Abgelichtet hat Maier stets Fremde – oder sich selbst. Trotz Film und etlichen Nachforschungen bleibt die US-Amerikanerin mit französischen Wurzeln dennoch weitgehend ein Phantom. Die ideale Vorlage für einen Roman, dachte sich auch die dänische Autorin Christina Hesselholdt, die mit „Vivian“ jetzt eine fiktive Biografie zur berühmten Unbekannten vorlegt.

Mehrstimmig wird der Leser in das Leben der Foto­grafin eingeführt, eine Erzählstimme, Viv selbst, aber auch Familienmitglieder oder Arbeitgeber berichten hier abwechselnd. Eine Collage aus Perspektiven entsteht, die die Familiengeschichte, die Arbeit und natürlich den Alltag von Vivian Maier abdecken und sich am Schluss auch gegenseitig befragen.

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Angekommen in einer neuen Familie, zeigt man sich dort verwundert über das strenge und verschlossene Wesen des Kindermädchens. Formuliert wird das Unbehagen gegenüber Vivia­n in kurzen Anekdoten und originell formulierter Sprache. Kein Stimmengewirr, sondern ein klug ausjong­lierter Dialog entsteht, den die Erzählstimme anführt. Zuneigung gibt es zwischen den Erzählenden kaum, für Viv steht das ständige Abscannen ihrer Umwelt nach Motiven im Zentrum ihrer Erzählung.

Die große Fotoausstellung „The Family of Man“ von Edward Steiche­n im MOMA 1955 ließ sie aufbrechen, hinaus, um Menschen zu sehen und Orte, erzählt Vivian selbst. Und nie wirklich heimzukommen. Was rea­l in dieser Biografie ist, was fiktiv, bleibt natürlich ein Geheimnis.

Roman Christina Hesselholdt: Vivian. Hanser, 206 Seiten, 21,60 Euro.


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