Steinschlag- und Lawinenschutz: Wenn Murmeltiere Anker lösen

Neue Gemeindeverbände beschäftigen „Begeher“ zur Erkundung von Schäden an Schutzbauten. Der Paznauner Verband ist ein Pilotprojekt, Osttirol folgt demnächst.

Im Paznaun müssen 60 Kilometer Stahlschneebrücken überprüft werden – wie diese bei Galtür.
© Reichle

Von H. Wenzel und C. Oblasser

Ischgl, Lienz – „Wir haben auch festgestellt, dass ein Murmeltier die Verankerung einer Stahlschneebrücke untergraben hat“, schilderte der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz. „Aber von groben Schäden kann keine Rede sein. Manchmal sind ein paar Schrauben locker.“ Kurz ist Obmann des vor zwei Jahren initiierten Gemeindeverbandes „Wasserverband Paznaun“ – Mitglieder sind die Talgemeinden Galtür, Ischgl, Kappl und See.

Die Ziele der Kooperation sind statutarisch festgehalten: Die Hauptaufgabe liege in der Kontrolle, Betreuung und Instandhaltung der Steinschlag- und Lawinenschutzbauten. Immerhin hat die Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) bisher mehr als 60 Kilometer an Stahlschneebrücken und fast sieben Kilometer Steinschlagschutzmauern im Paznaun errichtet.

Die Anregung zum Pilotprojekt im Paznaun kam von WLV-Landesleiter Gebhard Walter – ein Galtürer, der mit Lawinen aufgewachsen ist. „Die Verbandsgründung hat lange gedauert, auch weil wir rechtliches Neuland betreten haben“, erzählt er. „Trotzdem konnten wir erste praktische Erfahrungen sammeln.“ Im Winter 2018/19 habe sich gezeigt, „dass die Dimensionierung der Schutzbauten im Tal weitgehend passt“, so Walter. So genannte Schlüsselbauwerke müssten jährlich inspiziert werden, für Standardbauten genüge eine Inspektion alle fünf Jahre. „Schäden treten immer wieder auf. Etwa dort, wo sich oberhalb der Brücken felsiges Gelände befindet und Steinbrocken abbrechen.“

Der Verband beschäftigt einen fachlich geschulten „Begeher“, der regelmäßig zu den Bauwerken stapft – oft in schwierigem Gelände in mehr als 2000 Metern Seehöhe. „Der Mann meldet uns den Sanierungsbedarf“, erläutert der WLV-Landesleiter, „die Bauten werden dann von Technikern und Statikern überprüft.“ Der Vorteil der neuen Anlagenüberprüfung liege auch im raschen Informationsfluss – die Infos würden im digitalen Lawinen- und Wildbachkataster erfasst.

Nach dem Vorbild des Paznaun gründen zurzeit auch Osttiroler Gemeinden den „Wasserverband Instandhaltung Schutzbauten Osttirol“. 28 der insgesamt 33 Kommunen haben auf ihrem Gebiet Anlagen, die regelmäßig überprüft werden müssen. Dabei geht es unter anderem um über 83 Kilometer Lawinenschutzbauwerke, rund 22 Kilometer Steinschlagnetze, etwa 24 Kilometer Entwässerungsleitungen samt zahlreicher Schächte und 68 Hochwasserretentionsbauwerke. Das sagt Hanspeter Pussnig von der WLV Osttirol, der die Verbandsgründung koordiniert. „Rechtlich gesehen ist die jeweilige Standortgemeinde für die Kontrolle und Instandhaltung der Schutzbauten zuständig und trägt auch die Verantwortung, falls etwas passiert“, so Pussnig. „Doch die Kommunen haben nicht immer die Fachleute und auch nicht die Kapazitäten.“ Bisher habe die WLV manchmal ausgeholfen, doch auf Dauer sei das keine Lösung.

Den größten Anteil an Schutzbauten im Bezirk hat die Gemeinde Matrei in Osttirol. „Zurzeit übernimmt unser Gemeindewaldaufseher diese Kontrollen, aber nicht lückenlos. Das wäre einfach zu viel Arbeit“, sagt der Matreier Bürgermeister Andreas Köll. Deshalb sei der neue Verband eine gute Sache. Der Gemeinderat von Matrei hat den Beitritt bereits beschlossen, ebenso wie Sillian. „Das kostet nicht die Welt“, sagt Bürgermeister Hermann Mitteregger. „Pro Jahr zahlen wir 2200 Euro Verbandsbeitrag.“

Das gesamte Projekt wird über eine Drittel-Finanzierung möglich gemacht: Bund, Land und Gemeinden teilen sich die Kosten. Als „Begeher“ des Osttiroler Verbandes ist ein Mitglied der Bergrettung vorgesehen. Ob auch er zerstörerische Murmeltiere entdeckt, so wie im Paznaun, muss sich erst zeigen.


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